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10 Fragen an den renommierten Kurator Matthias Harder aus Deutschland | ISSUE #214

By cizucu · 13. Mai 2026

Serie „10 Fragen an Fotograf:innen“
10 Fragen an den renommierten Kurator Matthias Harder aus Deutschland | ISSUE #214

©︎ Helmut Newton

10 Fragen an den renommierten Kurator Matthias Harder aus Deutschland | ISSUE #214

©︎ Helmut Newton

Durch Interviews mit Persönlichkeiten, die fotografische Ausdrucksformen aus einer einzigartigen Perspektive verfolgen, beleuchten wir die Ursprünge, Denkweisen und kreativen Prozesse ihrer Arbeit und liefern neue Inspirationen für Fotograf:innen und Fotomedien weltweit.

Matthias Harder, der international tätig ist und derzeit als Direktor und Kurator der Helmut Newton Foundation fungiert. Die Archivierung seiner Gedanken und künstlerischen Ursprünge in dieser Zeit wird einen wichtigen Beitrag zur zukünftigen Fotokultur leisten.

Mit diesen „10 Fragen“ nähern wir uns dem Prozess, wie seine Ausdrucksformen Gestalt annehmen.

Information
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Matthias Harder

Als Spezialist für klassische Kunstgeschichte mit Schwerpunkt auf Fotografiegeschichte, widmete er sich bereits in den 1990er Jahren diesem damals noch jungen Forschungsfeld. Parallel zur Promotion begann er, für Kunstmagazine und Ausstellungskataloge über Kunst und Fotografie zu schreiben und ist bis heute in vielfältigen Bereichen aktiv. 
Seit über 20 Jahren sammelt er Erfahrung als Kurator und ist seit sieben Jahren Direktor der Helmut Newton Foundation. Er wurde noch zu Lebzeiten von Helmut Newton persönlich ausgewählt und betrachtet diese Aufgabe als Ehre und Verantwortung zugleich.

Q1. Können Sie uns etwas über die Gründungsgeschichte, die aktuellen Aktivitäten und die Leitidee der Helmut Newton Foundation erzählen?

Im Oktober 2003, nur wenige Monate vor seinem Tod, gründete Helmut Newton die Helmut Newton Foundation (HNF). Ziel war es, seine eigenen fotografischen Werke sowie die seiner Frau June Newton, auch bekannt als Alice Springs, zu bewahren und zu präsentieren.

Die Stiftung eröffnete im Sommer 2004 und seitdem haben über zwei Millionen Menschen die Ausstellungen in Berlin besucht. Nach dem Tod von June im Jahr 2021 wird das gesamte Archiv beider Fotograf:innen in Berlin aufbewahrt. Gemäß dem Willen des Gründers soll die HNF kein „totes Museum“, sondern eine „lebendige Institution“ sein.

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©︎ Helmut Newton Foundation

Deshalb werden in jeder Ausstellung Newtons provokante und innovative Bildwelten im Dialog mit Werken der bedeutendsten zeitgenössischen Fotograf:innen präsentiert (u.a. David Lachapelle, James Nachtwey, Larry Clark, Ralph Gibson, Greg Gorman, Frank Horvat, Mario Testino, Guy Bourdin, Sarah Moon, Paolo Roversi, Robert Longo, Vanessa Beecroft, David Lynch, Saul Leiter).

Dieser „Dialog“ wird auch in Zukunft fortgesetzt.

Q2. Welche kuratorischen Philosophien oder Themen stehen im Zentrum Ihrer Arbeit und der von Helmut Newton?

Das Werk von Helmut Newton ist in Qualität und Quantität außergewöhnlich und die gesamte Sammlung ist im Archiv der Stiftung bewahrt. Bei jeder neuen Ausstellung fokussiere ich mich auf einen bestimmten Aspekt dieses reichen Fundus und mache ihn zum Ausgangspunkt eines neuen kuratorischen Konzepts.

In den letzten Jahren habe ich beispielsweise Newtons Bezug zu Orten wie seinem Geburtsort Berlin oder dem Château Marmont in Hollywood, wo er seit den 1980er Jahren lebte, vertieft. Parallel dazu wurden Gruppenausstellungen mit zeitgenössischen Künstler:innen gezeigt, um das Gesamtbild der Auseinandersetzung mit diesen Orten zu vermitteln.

In der Ausstellung „Dialogues“ im letzten Jahr antwortete ich mit Newtons Fotografien auf eine bedeutende Wiener Fotosammlung und präsentierte 66 Diptychen an der Wand, um Resonanzen in Inhalt, Form und Atmosphäre sichtbar zu machen. Einige der Wiener Fotoikonen entstanden über 100 Jahre vor Newtons Werken.

Dieses Experiment hat mir große Freude bereitet und kam auch beim Publikum sehr gut an.

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©︎ Helmut Newton

Q3. Wie entsteht eine Ausstellung? Können Sie uns den kreativen Prozess von der ersten Konzeptidee bis zur Realisierung schildern?

Alles beginnt mit einer Idee, die sich auf einen bestimmten Aspekt von Newtons Werk bezieht. Zuletzt habe ich parallel zwei Ausstellungen vorbereitet, die im Mai und Juni eröffnet werden.

Die erste konzentriert sich auf Newtons Fotografien von Autos und findet im Rahmen eines renommierten Oldtimer-Rennens am Comer See in Norditalien statt. Newton fotografierte dort selbst häufig, und auch dies ist ein kuratorisches Experiment. Die Motive werden auf spezielles Filmmaterial gedruckt und erstmals als Open-Air-Präsentation auf Tafeln im Garten der Villa Olmo installiert. Normalerweise werden die Werke an Museen weltweit verliehen und in klimatisierten, abgedunkelten Innenräumen gezeigt.

Die zweite Ausstellung findet von Juni bis November 2026 in unserer Stiftung unter dem Titel „Rooms / Stages (Räume / Bühnen)“ statt. Newton verwandelte Räume wie ein Bühnenbildner in „Bühnen“ – diesen Übergang (Raum → Bildraum → Bühne) zeigen wir sowohl im Newton-Teil als auch in einer Gruppenausstellung mit zwölf zeitgenössischen Künstler:innen.

Q4. Was ist Ihre treibende Kraft, kontinuierlich Ausdruck und Vermittlung zu betreiben? Welche Bedeutung messen Sie dieser Arbeit in der heutigen Gesellschaft bei?

Die engagierte Fangemeinde von Helmut Newton ist nach wie vor groß und besucht nicht nur unser Haus in Berlin, sondern auch unsere Ausstellungen an anderen Orten. Auch mehr als 20 Jahre nach seinem Tod ist das so.

Das Motto unserer Stiftungsarbeit lautet „keep him alive“ – und darin waren wir bisher sehr erfolgreich. Zu Lebzeiten war Newton einer der meistveröffentlichten Fotografen der Geschichte, und durch unsere weiterhin in hohen Auflagen erscheinenden Publikationen sowie durch Social Media erreichen wir ein noch größeres Publikum.

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©︎ Helmut Newton Foundation

Newtons Werk war stets zeitgenössisch, ist aber inzwischen zu einem Klassiker geworden. Viele Künstler:innen verschiedener Generationen greifen seine visuellen Ideen auf und entwickeln sie weiter – sein Einfluss ist bis heute lebendig.

Q5. Gibt es unter den zahlreichen Ausstellungen und Projekten, die Sie realisiert haben, eines, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Natürlich sind mir alle von mir kuratierten Ausstellungen ans Herz gewachsen, aber die große Retrospektive HELMUT NEWTON. LEGACY war besonders herausragend.

Die Besucher:innen konnten nicht nur Newtons ikonische Bilder entdecken, sondern auch viele Überraschungen erleben. Im gesamten Ausstellungsbereich des Erdgeschosses wurde das Leben und das visuelle Erbe des in Berlin geborenen Fotografen chronologisch nachgezeichnet. Von rund 300 Werken waren die Hälfte erstmals öffentlich zu sehen, darunter auch weniger bekannte, experimentelle Modefotografien.

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©︎ Helmut Newton Foundation

Die Ausstellung zeigte auch den Entstehungsprozess anhand von Polaroids und Kontaktbögen, ergänzt durch Sonderpublikationen, Archivmaterialien und Zitate des Künstlers. Begleitend zur Ausstellung erschien bei Taschen eine neue Monografie, und die Schau wurde mit großem Erfolg in mehreren Ländern gezeigt.

Q6. Welche Rolle sollten Fotografie und Museen im Zeitalter der KI einnehmen?

Wir Kurator:innen müssen weitermachen, auch im Zeitalter der KI. Durch sorgfältig konzipierte Fotoausstellungen gilt es, die spezifische „Aura“ und die unverwechselbare Authentizität des Mediums Fotografie überzeugend zu vermitteln.

Natürlich wird es künftig noch wichtiger, die Echtheit aller Bilder zu überprüfen oder zumindest zu hinterfragen. Manipulationen gab es jedoch schon immer: Bereits früher wurden Personen aus Fotos entfernt oder künstlerisch collagiert.

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©︎ Helmut Newton Foundation

Ich bin optimistisch. KI wird vermutlich ein Werkzeug bleiben – wie einst die Schere oder später Photoshop.

Q7. Gibt es Bewegungen oder Communities in der deutschen Foto- und Kunstszene, die Sie als Museum besonders wichtig finden?

Die gesamte Szene befindet sich in ständiger Entwicklung, und das Tempo scheint immer weiter zuzunehmen. Kunstmedien und Genres überschneiden und verschmelzen miteinander. Alles geschieht gleichzeitig und ist über soziale Medien sofort zugänglich. Es ist äußerst schwierig, den Überblick über das Geschehen in der Kunst und Fotografie auf nationaler, internationaler und globaler Ebene zu behalten und dabei gelassen zu bleiben. Ich denke, wir sollten dieser beschleunigten Welt mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit begegnen.

Ich beobachte die deutsche Szene aufmerksam, kann aber derzeit keinen neuen Trend klar erkennen.

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©︎ Helmut Newton Foundation

Q8. Lassen Sie sich von anderen internationalen Fotomedien oder kreativen Szenen inspirieren?

Ich reise häufig, vor allem innerhalb Europas. Das liegt auch an meiner Tätigkeit als Dozent, Vortragender und Jurymitglied, aber natürlich nutze ich jede Gelegenheit, mich umzusehen.
Die zeitgenössischen Fotoszenen in Finnland, Frankreich und Italien sind zweifellos spannend, aber mich inspirieren weniger „Schulen“ wie die Düsseldorfer Becher-Schule (1970er/80er Jahre), sondern immer einzelne Fotograf:innen.

Als klassisch ausgebildeter Kunsthistoriker interessiere ich mich zudem für Skulptur, Malerei, Zeichnung sowie Performance und Tanz – jedes Medium hat seine eigenen Qualitäten, die uns bewegen oder faszinieren. Ich freue mich sehr auf die diesjährige Biennale in Venedig, weil dort Ausdrucksformen aus fast allen Ländern nebeneinanderstehen und sich überblicken lassen.

Q9. Welche Herausforderungen oder Ziele möchten Sie künftig angehen und wie sieht Ihre langfristige Vision für das Museum aus?

Wir haben die seit über 20 Jahren bestehende Dauerausstellung zu Helmut Newtons Leben und Werk im Erdgeschoss kürzlich durch eine groß angelegte immersive Filminstallation ersetzt. Im hinteren Ausstellungsbereich sind zudem Kurzbiografien von Newton und seiner Frau June (alias Alice Springs) an der Wand angebracht, über 100 historische Ausstellungsposter und zeitgenössische Magazine werden in Vitrinen gezeigt.

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©︎ Helmut Newton Foundation

Auch dieser neue Bereich wird künftig regelmäßig aktualisiert. In etwa zwei Jahren planen wir eine ebenso dynamische neue Dauerausstellung zu entwickeln und zu installieren. Vor vier Jahren haben wir das gesamte Archiv von Monaco nach Berlin verlegt und arbeiten seither mit einem kleinen Team an der Erschließung, Katalogisierung und teilweisen Digitalisierung. Das ist eine große Aufgabe, aber dabei machen wir immer wieder großartige neue Entdeckungen.

Es gibt noch viel zu erforschen, und ich habe für die kommenden Jahre ein vielfältiges und spannendes Ausstellungsprogramm konzipiert. Ein Besuch der Stiftung lohnt sich immer.

Q10. Zum Abschluss: Welche Botschaft möchten Sie Künstler:innen und Kunstschaffenden weltweit aus der Helmut Newton Foundation mitgeben?

Alle Künstler:innen und Fotograf:innen sollten sich inspirieren lassen, aber letztlich Werke schaffen, die so persönlich und vor allem so „authentisch“ wie möglich sind.
Ob abstrakt oder realistisch, unabhängig vom Genre. Natürlich haben sich die Bedingungen für Produktion und Distribution von Bildern seit Newtons Zeit am Ende des 20. Jahrhunderts grundlegend verändert – ebenso die Möglichkeiten, vom eigenen Schaffen zu leben.

Newton inspirierte mit seinen oft radikalen und außergewöhnlichen visuellen Ideen zahlreiche Menschen, darunter viele Bildredakteur:innen, und fand darin viele Gleichgesinnte.
Das gilt auch heute: Bilden Sie Netzwerke, arbeiten Sie im Team, aber entwickeln Sie zugleich Ihren ganz eigenen Stil.

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