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10 Fragen an die herausragende deutsche Fotokünstlerin Sibylle Fendt | ISSUE #219

By cizucu · 18. Mai 2026

Serie „10 Fragen an Fotograf:innen“
10 Fragen an die herausragende deutsche Fotokünstlerin Sibylle Fendt | ISSUE #219

©︎ Sibylle Fendt

10 Fragen an die herausragende deutsche Fotokünstlerin Sibylle Fendt | ISSUE #219

©︎ Sibylle Fendt

Durch Interviews mit Persönlichkeiten, die fotografische Ausdrucksformen aus einer eigenständigen Perspektive verfolgen, beleuchten wir die Ursprünge, Denkweisen und Schaffensprozesse ihrer künstlerischen Arbeit und bieten so neue Inspirationen für Fotograf:innen und Fotomedien weltweit.

Die Ursprünge des künstlerischen Schaffens der in Deutschland ansässigen Fotografin Sibylle Fendt sowie ihre prägenden Gedanken und Sichtweisen. Diese Aspekte heute in Worte zu fassen und zu archivieren, wird einen Teil der zukünftigen Fotokultur mitgestalten.

Mit den „10 Fragen“ tauchen wir in die Prozesse ein, die ihren Ausdruck zur Form werden lassen.

Information
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Sibylle Fendt

Sibylle Fendt, geboren 1974, studierte Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld und lebt und arbeitet seit 2002 in Berlin. Seit 2010 ist sie Mitglied der Fotograf:innenagentur Ostkreuz. Neben Editorial-Aufträgen für Magazine ist sie in der fotografischen Lehre an Hochschulen tätig und realisiert kontinuierlich langfristige, international präsentierte freie Projekte. Ihre Schwerpunkte sind soziale Ausgrenzung, Gender Studies, Krisen im psychischen, sozialen und gesundheitlichen Kontext sowie das Thema „normales Leben“, wobei das Porträt im Zentrum ihrer Arbeit steht.

Instagram : @sibyllefendt

Q1. Was ist der Ursprung Ihrer fotografischen Arbeit und wie sieht Ihre aktuelle Tätigkeit aus?

Das erste Mal, dass ich Fotografie als Kunst bewusst wahrgenommen habe, war in der Schule, als ich einen Kurs für Schwarzweiß-Fotografie belegte. Anfangs war ich besonders fasziniert von den „praktischen Fertigkeiten“ wie Aufnahmetechnik und Dunkelkammerarbeit.

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Erst im Studium begann ich, mich intensiver mit Themen und Inhalten auseinanderzusetzen. In meiner Abschlussarbeit, die sich mit sogenannten „Hoardern“ beschäftigte, lag der Fokus auf „Porträts von Menschen“ – ein Thema, das bis heute das Zentrum meines Schaffens bildet.

Q2. Welches Element oder Thema ist Ihnen in Ihrer Arbeit am wichtigsten?

Ich interessiere mich für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen an einem Wendepunkt ihres Lebens stehen. Sei es durch gesellschaftliche Strukturen, außergewöhnliche Ereignisse wie Krankheiten oder psychische und soziale Krisen. Deshalb bedeutet es für mich, mich meinen Motiven zuzuwenden, immer auch, mich der Gesellschaft zuzuwenden.

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©︎ Sibylle Fendt

Q3. Wie entstehen Ihre Arbeiten? Gibt es Intuition, Zufall oder Entscheidungen vor Ort, die Ihre künstlerische Praxis prägen?

Das Schaffen entsteht durch eine Kombination verschiedener Elemente. Und natürlich sind auch die sogenannten „weniger kreativen“ Prozesse wie Planung, Recherche und Organisation unerlässlich.

Zunächst entscheide ich, worauf ich mich in den kommenden Monaten (manchmal Jahren) fotografisch konzentrieren möchte. Oft ziehen mich gesellschaftlich oder politisch diskutierte Themen an, zu denen ich eine eigene Perspektive entwickeln will. Manchmal kommen Ideen aber auch ganz spontan – ein impulsives Bedürfnis oder eine dringende Notwendigkeit, mich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen.

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Die Herangehensweise variiert je nach Thema, aber fast alle Projekte beginnen mit Recherche, weil ich mein Motiv finden muss. Wie finde ich den Ort, an dem ich fotografieren möchte? Wie begegne und verstehe ich meine Protagonist:innen? Die Wege der Begegnung sind vielfältig. Ich verlasse mich auf meine Intuition, versuche, Begegnungen ohne Vorurteile wahrzunehmen und nicht einem starren Konzept zu folgen, sondern daraus meine Arbeit zu entwickeln.

Q4. Was ist Ihr Antrieb, kontinuierlich künstlerisch tätig zu sein?

Fotografie ist für mich eine Art Lebensader. Ich denke immer, dass ich noch viel mehr fotografieren würde, wenn ich mehr Zeit hätte.

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©︎ Sibylle Fendt

Fotografie ist für mich ein Werkzeug, um mich mit der Realität auseinanderzusetzen und sie zu beschreiben, aber auch ein wunderbares Medium, um Stellung zu beziehen oder manchmal sogar Fiktionen zu erschaffen.

Es ist ein großes Privileg, dieses Leben als Fotografin führen zu dürfen, und ich bin dafür sehr dankbar.

Q5. Zeigen Sie uns Ihr Lieblingsbild und erzählen Sie die Geschichte oder den Grund, warum Sie es ausgewählt haben.

Ich arbeite meist in Serien, daher stehen einzelne Bilder oft nicht im Vordergrund, sodass es schwer ist, ein „Lieblingsbild“ zu benennen.

Dennoch markiert dieses Foto einen wichtigen Wendepunkt in meiner Laufbahn. Es ist ein Porträt von „Margo“, das ich für meine Abschlussarbeit aufgenommen habe.

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©︎ Sibylle Fendt

Es war das erste Mal, dass ich einer Person in einer tiefen psychischen und sozialen Krise begegnete, und ich zögerte sehr, die Kamera auf sie zu richten. Obwohl wir uns mehrmals getroffen hatten, verging viel Zeit, ohne dass ich ein einziges Bild machte. Eines Tages jedoch fasste ich mir ein Herz, holte die Kamera heraus – und dieses Foto entstand.

Die Präsenz, mit der sie durch die Linse zurückblickte, und die psychologische Tiefe ihres Porträts haben mich tief bewegt. Es steckt so viel in diesem Bild, das sich kaum in Worte fassen lässt, und es offenbarte mir Seiten von ihr, die ich bis dahin nicht gesehen hatte. Dieses eine Bild gab mir die Kraft und Überzeugung – oder besser gesagt, endlich den Mut, die Serie wirklich zu beginnen.

Q6. Welche Bedeutung messen Sie der Fotografie im Zeitalter der KI bei?

Für mich bedeutet Fotografie, mich mit der Welt, in der ich lebe, auseinanderzusetzen. Auch mit dem Aufkommen von KI ändert sich meine Arbeitsweise nicht. Ich möchte hinausgehen, die Welt kennenlernen und sie verstehen. Ob es eine Zeit geben wird, in der Menschen Fotografie nicht mehr als Abbild ihrer eigenen Welt betrachten, kann ich nicht sagen.

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Q7. Welche Entwicklungen oder Communities empfinden Sie in der deutschen Szene als besonders wichtig?

Ich bin selbst Teil einer Community: Ich gehöre der Fotoagentur „OSTKREUZ“ an. Vor 15 Jahren dieser Gemeinschaft beigetreten zu sein, war die beste Entscheidung meines Lebens als Fotografin. Wir unterstützen uns gegenseitig und können gemeinsam für mehr Sichtbarkeit eintreten.

Außerdem schätze ich das „Docks Collective“, das vor acht Jahren gegründet wurde, sehr. Es ist eine Gruppe junger Fotograf:innen, die sich intensiv mit dokumentarischer Fotografie und aktuellen gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt.

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Q8. Gibt es internationale Fotografieszene oder Kreative, die Sie inspirieren oder interessieren?

Sehr viele. Ich unterrichte seit rund 20 Jahren Fotografie, besuche regelmäßig Fotofestivals und bin eine leidenschaftliche Sammlerin von Fotobüchern – so stoße ich ständig auf neue Perspektiven. Je nachdem, was ich gerade erforsche, ziehen mich Fotograf:innen mit ähnlichen Themen oder einer verwandten visuellen Sprache an.

Um das Jahr 2000 waren es Boris Mikhailov und Roger Ballen, später Helen van Meene, dann Tierney Gearon und Gregory Halpern. Während meines jüngsten Projekts „Before the Time Comes“ habe ich mich intensiv mit Jess T. Dugans „Look at me like you love me“ beschäftigt. Aktuell schätze ich die Leichtigkeit von Pixy Liao.

Natürlich gibt es noch viele weitere Namen, die ich hier nennen könnte.

Q9. Gibt es etwas, das Sie unbedingt – vielleicht sogar ein Leben lang – verfolgen möchten?

Auf persönlicher Ebene widme ich mein Leben selbstverständlich meinen Kindern. Ich hoffe, dass sie zu Menschen mit gesellschaftlicher Verantwortung heranwachsen.

Als gesellschaftliches Wesen ist es mir wichtig, mich mit dem Thema sozialer Zusammenhalt auseinanderzusetzen. Wenn innerhalb sozialer Strukturen Hilfe benötigt wird, fällt es mir schwer, Nein zu sagen.

Ich bin stolz und dankbar, Teil der Berliner Fotoagentur „OSTKREUZ“ zu sein. Diese Agentur wird von ihren 25 Mitgliedern selbstverwaltet. Das verlangt ein hohes Maß an Engagement. Wir kämpfen für Unabhängigkeit, Sichtbarkeit und hohe Standards in der (dokumentarischen) Fotografie. Wir fordern uns gegenseitig heraus und bewahren so einen kritischen Blick auf die Welt und die Fotografie.

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©︎ Sibylle Fendt

Q10. Welche Botschaft möchten Sie aktuell an Kreative weltweit richten?

Seid mutig. Seid kritisch mit euch selbst. Hinterfragt euer eigenes Handeln – immer wieder. Teilt eure Gedanken. Baut Verbindungen auf.

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