Durch Interviews mit Persönlichkeiten, die fotografische Ausdrucksformen aus einer eigenständigen Perspektive verfolgen, beleuchten wir die Ursprünge, Denkweisen und kreativen Prozesse ihrer Arbeit und liefern so neue Inspirationen für Fotograf:innen und Fotomedien weltweit.
Die Ursprünge des künstlerischen Schaffens und die zentralen Denkweisen und Perspektiven des in Deutschland ansässigen Fotografen Wolfgang Zurborn. Diese als zeitgenössisches Archiv in Worte zu fassen und zu bewahren, wird zweifellos einen Beitrag zur zukünftigen Fotokultur leisten.
Mit den diesjährigen „10 Fragen“ nähern wir uns dem Prozess, wie seine Ausdrucksformen Gestalt annehmen.

©︎ Frederic Lezmi
Wolfgang Zurborn
Lebt und arbeitet in Köln, Deutschland. Seit Anfang der 1980er Jahre widmet er sich freien fotografischen Projekten und hat weltweit zahlreiche Einzelausstellungen realisiert. Gemeinsam mit Tina Schelhorn betreibt er seit 40 Jahren die Kölner Fotogalerie Lichtblick. 2010 gründete er die Lichtblick School, die Seminare und Workshops im Bereich Fotografie anbietet. Von 1998 bis 2025 war er Vorstandsmitglied der Deutschen Fotografischen Akademie.
Instagram : @zurborn
Q1. Was sind die Ursprünge Ihrer Fotografie und wie sieht Ihre aktuelle künstlerische Praxis aus?
Anfang der 1980er Jahre begann ich, eine eigene visuelle Sprache zu entwickeln, die über konventionelle Maßstäbe hinausgeht und die zeitgenössische Welt in ihrer Vielschichtigkeit erfasst. Von dokumentarischen Schwarzweißaufnahmen deutscher Vergnügungsparks über großformatige Farbfotografien von Menschenmengen im grellen Blitzlicht bis hin zu rätselhaften Fotomontagen aus Fragmenten des Alltags habe ich mit vielfältigen Methoden gearbeitet, um den Einfluss der Populärkultur auf den Menschen zu untersuchen.
In meinen jüngeren Arbeiten entferne ich mich zunehmend von dem Anspruch, mit einem einzelnen Bild eine ganze Geschichte zu erzählen. Stattdessen entstehen in Ausstellungsinstallationen und Fotobuch-Designs komplexe Konstruktionen der Wirklichkeit, die sich wie Puzzleteile zu überraschenden, vielschichtigen Realitäten fügen. Eines meiner Hauptziele ist es, durch die Interaktion fotografischer Bilder und originelle Editierstrategien eine visuelle Ausdruckskraft zu schaffen, die über das bloße Aufzählen von Fakten hinausgeht.

©︎ Wolfgang Zurborn
Q2. Welche Elemente oder Themen sind Ihnen in Ihrer Arbeit am wichtigsten?
Für mich liegt das besondere Potenzial des Mediums Fotografie im Dialog mit der Außenwelt. Es geht darum, die eigene Wahrnehmung kontinuierlich anhand persönlicher Maßstäbe zu hinterfragen und in visuelle Experimente zu überführen. Bei der Suche nach Ordnung durch das Zusammenspiel von Körper, Objekt, Zeichen und Raum ist es entscheidend, das Chaos nicht aus den Augen zu verlieren.

©︎ Wolfgang Zurborn
Gerade dieses Chaos verleiht der Fotografie ihre unendliche Lebendigkeit. Viele der Motive in meinen Bildern erscheinen auf den ersten Blick banal und unbedeutend, sodass wir ihnen normalerweise kaum Beachtung schenken. Doch indem sie aus ihrem rein funktionalen Kontext herausgelöst, fragmentiert und visuell verdichtet werden, erhalten sie eine ausgesprochen sinnliche Aura und rufen beim Betrachter tiefe Assoziationen hervor.
Wir betrachten nicht die Dinge – die Dinge blicken uns an.
Q3. Wie entstehen Ihre Werke? Erzählen Sie uns von Intuition, Zufall und Entscheidungen vor Ort – vom kreativen Hintergrund.
Überzeugende fotografische Arbeiten entstehen für mich nur im fruchtbaren Zusammenspiel von Intuition und Konzeption. Wenn ich zum Fotografieren aufbreche, weiß ich nie, welchen Bildern ich an diesem Tag begegnen werde. Fotografieren bedeutet für mich stets, den Zufall herauszufordern. Die Offenheit gegenüber dem Unvorhersehbaren bildet die Grundlage für eine visuelle Welt, die an der Schnittstelle von Darstellung und Imagination existiert und als Katalysator die Vorstellungskraft der Betrachtenden anregt.
Die Herausforderung bei der späteren Gestaltung von Fotobüchern oder Ausstellungsinstallationen besteht darin, eine Erzählung zu entwickeln, die die bildimmanente Sprache der Fotografien hervorhebt. Im Gegensatz zur gängigen Auffassung besteht für mich die Rolle des Bildes nicht darin, ein Konzept zu erklären – vielmehr ist es die Aufgabe des Konzepts, dem intuitiv aufgenommenen Foto einen Wahrnehmungsraum zu eröffnen, in dem sich dessen Eigenheiten entfalten können.
Q4. Was ist Ihr Antrieb, sich künstlerisch auszudrücken?
Die künstlerische Arbeit mit Fotografie ist mein Existenzbeweis. In einer Welt, die von überwältigenden Medienmythen durchdrungen ist, ist es entscheidend, die eigene Identität nicht zu verlieren. Mein Streben nach Kommunikation sucht nach Bildern, die uns durch überraschende Kompositionen und ungewöhnliche Perspektiven aus der Gewohnheit reißen, eine geordnete visuelle Welt routinemäßig zu konsumieren.
Gerade dieses „Fremdheitsgefühl“ ist notwendig, um das, was wir gewöhnlich als belanglos abtun, erneut zu betrachten. Indem ich den Akt des Sehens geheimnisvoll mache, möchte ich nicht etwas mystifizieren, sondern einen fragenden Blick wecken, der sich nicht vorschnell zufrieden gibt, und so einen tieferen Zugang zu den verschiedenen Schichten des Sichtbaren ermöglichen.

©︎ Wolfgang Zurborn
Gerade in einer Zeit, in der simple populistische Ideologien immer mehr Einfluss auf die Gesellschaft gewinnen, halte ich es für dringend notwendig, Bilder zu schaffen, die nicht zu eindeutigen Urteilen verleiten, sondern das Verständnis für das Unerwartete und Paradoxe fördern.
Q5. Zeigen Sie uns Ihr Lieblingsbild und erzählen Sie die Geschichte dahinter sowie Ihre Beweggründe für die Auswahl.
Mein Lieblingsbild entstand 1986 beim Anti-Atomkraft-Rockfestival in Wackersdorf.
Es ist Teil der Serie „CROWDS“ und wird im Juli 2026 als Fotobuch bei Kehrer Verlag erscheinen. Dieses Foto verkörpert besonders, warum mich das Medium Fotografie so fasziniert: In einem nicht planbaren, zufälligen Moment überlagern sich verschiedene visuelle Ebenen auf vielschichtige Weise.

©︎ Wolfgang Zurborn
Wie in einer Collage formen Menschen, Objekte und Symbole eine visuelle Komposition, in der Isolation und Gemeinschaft in einer spannungsvollen Beziehung nebeneinanderstehen. Für mein Ziel, ein „lebendiges Dokument“ der Gegenwart zu schaffen, ist es wesentlich, dass der Mensch mit seinen sozialen Einflüssen und kollektiven Bindungen im Zentrum des Interesses steht.
Die Menschen in diesem Bild gehen weder in der Dekoration der Masse unter, noch erscheinen sie als aus dem Kontext gelöste Individuen.
Q6. Welche Bedeutung hat Fotografie im Zeitalter der KI?
Künstlerische Fotografie bildet niemals eine eindeutig interpretierbare Realität ab. Sie ist stets eine subjektive Konstruktion der Wirklichkeit. Im Zeitalter der KI wird die Skepsis gegenüber der Wahrhaftigkeit fotografischer Bilder zunehmen, da Manipulationen kaum noch erkennbar sind. Gleichzeitig wächst jedoch auch die Sehnsucht nach Fotografien, die jenseits allgegenwärtiger Fake News eine empathische Auseinandersetzung mit unserer Lebenswelt vermitteln.
Das gesteigerte Interesse an analogen Schwarzweißfotografien ist ein Beleg dafür. Auch wenn KI insbesondere die kommerzielle Fotografie stark beeinflussen wird, wird sie die Geschichte der künstlerischen Fotografie nicht vollständig umschreiben. Unterschiedliche Herangehensweisen an das Medium werden weiterhin bestehen, und nach einer Phase übermäßiger Effektgläubigkeit ist zu erwarten, dass bald auch spannende Arbeiten mit KI entstehen werden.

©︎ Wolfgang Zurborn
Q7. Welche Bewegungen oder Communities in der deutschen Szene empfinden Sie als besonders wichtig?
Lange Zeit war die sogenannte „Becher-Schule“ mit ihrem konzeptuellen, distanzierten dokumentarischen Ansatz prägend für die deutsche Fotoszene. Die Methode, die Welt systematisch zu katalogisieren, scheint gut zum deutschen Denkstil zu passen.
Ich habe großen Respekt vor der Konsequenz dieses Ansatzes, doch da er keinen Raum für Emotionen oder Humor lässt, war er mir immer sehr fremd. Dennoch ist das Spektrum künstlerischer Ansätze in der deutschen Fotografie weit größer, als es insbesondere im Ausland wahrgenommen wird. Einen Raum dafür zu schaffen, habe ich einem großen Teil meiner kuratorischen Arbeit gewidmet.

©︎ Wolfgang Zurborn
So habe ich beispielsweise 2019 in den Deichtorhallen Hamburg, Haus der Photographie, eine Ausstellung mit Werken von über 100 Mitgliedern der Deutschen Fotografischen Akademie kuratiert, die von dokumentarischer und inszenierter Fotografie bis hin zu konzeptuellen und experimentellen Arbeiten die Vielfalt fotografischer Ausdrucksformen eindrucksvoll zeigte.
Q8. Gibt es internationale Fotoszenen oder Kreative, die Sie besonders inspirieren?
Den größten Einfluss auf meine Fotografie hatten amerikanische Fotografen wie Walker Evans, Joel Sternfeld, Lee Friedlander, William Eggleston und Alex Webb. Aber auch viele internationale Fotograf:innen faszinieren mich.
Ich schätze den Humor in den Arbeiten von Tony Ray-Jones und (dem Briten) Martin Parrs Frühwerk, den Fokus auf das „Absurde und doch Vertraute“ bei Lars Tunbjörk, den kompromisslos persönlichen Ansatz von (dem Schweden) JH Engström, das surreale Empfinden in den Bildern von Carl De Keyzer, die intellektuelle Infragestellung dokumentarischer Konzepte durch (den Belgier) Max Pinckers, den experimentellen Umgang mit Bildarchiven bei (der Polin) Weronika Gęsicka, den empathischen Humanismus im Lebenswerk von (dem Litauer) Antanas Sutkus und die beeindruckende Energie in den Street-Photographs von (dem Japaner) Daido Moriyama.

©︎ Wolfgang Zurborn
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Wir leben zwar in einer globalisierten Welt, doch die künstlerischen Ansätze der einzelnen Länder sind keineswegs uniform.
Q9. Was ist die Herausforderung, der Sie sich ein Leben lang widmen möchten?
Ich widme mein Leben der Freiheit, das zeitgenössische Leben in all seiner farbigen Komplexität jenseits angstschürender Ideologien durch eine subjektive Linse zu beschreiben. Die besondere Herausforderung besteht für mich darin, einerseits gesellschaftliche Realität durch das Medium Fotografie präzise darzustellen und andererseits einen visuellen Raum zu schaffen, der den Betrachtenden genügend Spielraum für eigene Vorstellungen lässt.

©︎ Wolfgang Zurborn
Für mich ist das die Voraussetzung für einen offenen, von Empathie getragenen Dialog mit meinen Mitmenschen. Gerade in einer Zeit, in der populistische Strömungen respektvolle Kommunikation immer schwieriger machen, möchte ich mit meiner künstlerischen Arbeit dagegenhalten. Deshalb suche ich in meinen Bildern nach einer Ordnung, die das Chaos nicht verrät.
Vielfalt jenseits von Beliebigkeit zu stärken, ist das zentrale Motiv, das meine Arbeit trägt.
Q10. Welche Botschaft möchten Sie aktuell an Kreative weltweit richten?
Eines meiner wichtigsten Mottos in der künstlerischen Fotografie lautet: „Sehen statt Bedeutung vermitteln zu wollen (seeing rather than wanting to convey meaning)“.
Für mich besteht die Rolle des Bildes nicht darin, Themen zu erklären oder eindeutige Urteile zu fällen. Wenn wir dem intuitiven Akt des Sehens vertrauen, können wir eine sehr persönliche Haltung entwickeln, die dem Wahrgenommenen Raum für ein breites Spektrum an Emotionen lässt.
In der zeitgenössischen Dokumentarfotografie werden oft nur visuelle Konzepte akzeptiert, die wissenschaftlichen Strategien folgen. Ich plädiere jedoch für einen fotografischen Ansatz, der auch das Paradoxe und Unvorhersehbare einbezieht. Denn nur so kann das Jetzt als lebendiges Bild entstehen.
Wer den Mut hat, eine ausgesprochen subjektive Perspektive auf die Welt einzunehmen, kann durch das fruchtbare Zusammenspiel von Intuition und Konzeption unkonventionelle und innovative fotografische Werke schaffen.

