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10 Fragen an die herausragende deutsche Kreative Verdiana Albano | ISSUE #234

By cizucu · 17. Juni 2026

Serie „10 Fragen an Fotograf:innen“
10 Fragen an die herausragende deutsche Kreative Verdiana Albano | ISSUE #234
10 Fragen an die herausragende deutsche Kreative Verdiana Albano | ISSUE #234

Durch Interviews mit Persönlichkeiten, die fotografische Ausdrucksformen aus einer eigenständigen Perspektive verfolgen, beleuchten wir die Ursprünge, Denkweisen und Schaffensprozesse ihrer künstlerischen Praxis und liefern neue Inspirationen für Fotograf:innen und Fotomedien weltweit.

Die Ursprünge des Schaffens und die zentralen Denkweisen und Perspektiven der in Deutschland tätigen Fotokünstlerin Verdiana Albano. Diese in der heutigen Zeit in Worte zu fassen und zu archivieren, wird einen Teil der zukünftigen Fotokultur mitprägen.

Mit den folgenden „10 Fragen“ nähern wir uns dem Prozess, wie ihre Ausdrucksformen Gestalt annehmen.

Information
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Verdiana Albano

Visuelle Künstlerin und Kuratorin mit Standorten in Berlin und Frankfurt. Ihre forschungsbasierte Praxis bewegt sich zwischen Fotografie, Archiv, Installation und Text und untersucht Themen wie Dokumentation, Erinnerung, Migration, Identität und kollektive Geschichte. Mit einem Hintergrund in Bildender Kunst, Architektur und Globalökonomie hinterfragt sie die Schnittstellen zwischen persönlichen Narrativen und größeren gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen.

Instagram : @verdianaalbano

Q1. Was sind die Ursprünge Ihrer fotografischen Praxis und wie sieht Ihre aktuelle Tätigkeit aus?

Meine Hinwendung zur Fotografie begann mit dem Reisen. Während meines Kunststudiums erhielt ich mehrere Reisestipendien, wodurch ich nicht nur die Welt kennenlernte, sondern auch mich selbst als Fotografin entdeckte.

Mit der Zeit begann ich, das Medium Fotografie und seine Geschichte zu hinterfragen und mich mit Themen wie Erinnerung, Identität und Zugehörigkeit auseinanderzusetzen. Die Erfahrung, zwischen verschiedenen kulturellen Kontexten aufgewachsen zu sein, hat mir deutlich gemacht, wie eng persönliche Geschichte mit gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen verwoben ist.

Fotografie und der Blick durch die Linse sind für mich ein Mittel, diese Verbindungen sorgfältig zu erforschen und fragmentarischen, oft übersehenen Geschichten Sichtbarkeit zu verleihen.

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©︎ Verdiana Albano

Meine aktuelle Praxis ist interdisziplinär und forschungsbasiert. Neben Fotografie integriere ich Archivmaterialien, Texte und kollaborative Prozesse in meine Arbeit.
In meinen Werken kreuzen sich persönliche Erfahrungen, künstlerische Ausbildung sowie Hintergründe in Architektur und Globalökonomie und führen zu größeren Fragestellungen wie Migration, Repräsentation und kollektive Erinnerung.

Q2. Welche Elemente oder Themen stehen im Zentrum Ihrer Arbeiten?

Im Mittelpunkt meiner Arbeiten stehen die Themen Erinnerung, Zugehörigkeit, Migration und die Frage, wie Geschichte konstruiert und weitergegeben wird. Besonders interessiert mich das Verhältnis zwischen persönlicher Erzählung und größeren gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen.

Viele Projekte beginnen mit persönlichen Erfahrungen, Familiengeschichten oder bestimmten Orten, entwickeln sich jedoch zu umfassenderen Fragen nach Repräsentation, Identität und kollektiver Erinnerung. Forschung ist für meine Praxis unerlässlich – durch Archive, gesammelte Materialien, Oral History und kollaborative Prozesse untersuche ich, was erinnert, vergessen oder absichtlich ausgelassen wird.

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©︎ Verdiana Albano

Statt eine festgelegte Erzählung zu präsentieren, möchte ich Raum für verschiedene Perspektiven lassen. Mich interessiert, wie Bilder unser Verständnis von uns selbst und anderen formen und wie Fotografie dominante Narrative herausfordern und neue Dialoge eröffnen kann.

Q3. Wie entstehen Ihre Werke? Gibt es Intuition, Zufall oder Entscheidungen vor Ort, die Ihren kreativen Prozess prägen?

Ich glaube daran, dass selbst in unerwarteten Momenten etwas Bedeutsames entstehen kann. Deshalb möchte ich stets offen für neue Gedanken, Begegnungen und Perspektiven bleiben. Viele Projekte beginnen nicht mit einem bestimmten Bild, sondern mit alltäglichen Beobachtungen oder kleinen Fragen.

Darauf folgt intensive Recherche, um das Thema im sozialen, politischen und globalen Kontext neu zu verorten. Lesen, Gespräche, Archive, Reisen oder Zeit an bestimmten Orten zu verbringen – all das ist Teil meines Schaffens. Ich folge kleinen Details und fragmentarischen Geschichten und warte darauf, dass sie sich langsam zu einer größeren Erzählung entfalten.

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©︎ Verdiana Albano

Während Recherche den gedanklichen Rahmen vorgibt, ist Intuition ebenso wichtig. Konzeptionelles Denken, Beobachtung und zufällige Ereignisse wirken zusammen – das Projekt entwickelt sich organisch, statt einem starren Plan zu folgen.

Q4. Was ist Ihr Antrieb, kontinuierlich künstlerisch tätig zu sein?

Um ehrlich zu sein, stelle ich mir diese Frage fast bei jedem Projekt – währenddessen oder danach. Es gibt Momente, in denen ich müde bin, mich mitzuteilen, oder in denen finanzielle und technische Herausforderungen auftauchen, oder ich mich von bestimmten Aspekten der Kunstszene gelangweilt oder frustriert fühle.

Doch nach einigen Tagen oder sogar Stunden entstehen immer wieder neue Fragen, Beobachtungen und Neugier. Dann kehrt der Drang zurück, zu recherchieren, zu verstehen und etwas zu gestalten. Selbst wenn ich versuche, abzuschalten, zieht mich etwas wieder hinein.

Das ist ehrlich gesagt Segen und Fluch zugleich.

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©︎ Verdiana Albano

Ich habe jedoch akzeptiert, dass künstlerisches Schaffen nicht einfach ein „Tun“ ist, sondern eine Methode, um kontinuierlich mit der Welt in Beziehung zu bleiben.

Q5. Zeigen Sie uns Ihr Lieblingsbild und erzählen Sie die Geschichte dahinter sowie Ihre Beweggründe für die Auswahl.

Da sich Ästhetik und Konzept je nach Projekt stark unterscheiden, fällt es mir schwer, ein einziges „Lieblingsbild“ zu wählen.
Dennoch habe ich mich diesmal für ein Bild aus meiner aktuellen Serie „i ain't from no east coast“ entschieden.

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©︎ Verdiana Albano — Referenz: Advanced Chemistry, Fremd im eigenen Land (1992) — Ort: Museum Alltagsleben der DDR, Malchow (2024).

Dieses Foto zeigt meinen Bruder und mich im sogenannten „Museum Alltagsleben der DDR“ in Malchow. Nach dem Fall der Berliner Mauer sammelten viele Menschen aus der ehemaligen DDR Alltagsgegenstände und Erinnerungen und betreiben solche Orte meist privat im Sinne von „Ostalgie“ (East + Nostalgie).

Mein Bruder wurde 1989, kurz vor dem Mauerfall, in der DDR geboren, ich kurz danach im selben Krankenhaus. Unsere Eltern lernten sich kennen, weil unser Vater als Vertragsarbeiter im Rahmen eines sozialistischen Abkommens zwischen Angola und der DDR nach Ostdeutschland kam. Indem wir uns in diesem Raum „inszenieren“, hinterfragen wir, wessen Geschichten erinnert und wessen vergessen werden.

Als kleine Intervention habe ich das Porträt von Margot Honecker, Bildungsministerin der DDR und Ehefrau von Erich Honecker, durch ein Porträt von Martin Luther King Jr. ersetzt und so die Erzählung der Geschichte subtil umgeschrieben. Während meiner Recherche für dieses Projekt konnte ich nicht umhin, mir vorzustellen, wie es sich für meine Familie anfühlte, in einem sozialistischen System aufzuwachsen und dann rasch in eine kapitalistische Welt überzugehen.

Dieses Foto spiegelt diese Neugier und den Versuch wider, uns in einer Geschichte, die kaum dokumentiert ist, einen Platz zurückzuerobern. Ich habe Kodak Gold Film gewählt, weil ich auf die frühen Farbfilme Bezug nehmen wollte, die entwickelt wurden, um dunklere Hauttöne besser darzustellen. Fotografiert wurde mit einer alten Mittelformatkamera „Pentacon Six TL“ aus der DDR.

Q6. Welche Bedeutung messen Sie der Fotografie im Zeitalter der KI bei?

Ich denke, wir müssen den technologischen Wandel nicht fürchten. Vielmehr sollten wir lernen, neue Werkzeuge kritisch und verantwortungsvoll zu nutzen und überlegen, wie sie zur Verbesserung der Welt beitragen können.

Im künstlerischen Kontext sehe ich KI nicht als „Ersatz“, sondern als ein weiteres Medium, das neue künstlerische Möglichkeiten eröffnet. In Auftragsarbeiten, im Journalismus oder in der Dokumentarfotografie sind jedoch Fragen nach Autorschaft, Transparenz und Vertrauen unerlässlich und die Implikationen ganz andere.

Gerade weil KI-generierte Bilder so leicht entstehen, müssen wir noch sorgfältiger darauf achten, wie Bilder entstehen, zirkulieren und interpretiert werden.

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©︎ Verdiana Albano

Auch ich nutze KI in Teilen meiner Arbeit, wenn ich Ideen vermitteln möchte, die sich mit Fotografie allein nicht ausdrücken lassen, oder um hypothetische Szenarien zu visualisieren, die in der Realität nicht möglich wären. Für mich ist KI kein Ersatz für kritisches Denken oder künstlerische Intention, sondern ein Werkzeug dafür.

Q7. Welche Entwicklungen oder Communities empfinden Sie in der deutschen Szene als besonders wichtig?

Was ich derzeit an der deutschen Kunst- und Fotoszene am wichtigsten finde, ist die wachsende Zahl selbstorganisierter Initiativen und Communities, die Räume für bislang wenig repräsentierte Perspektiven schaffen. In den letzten Jahren haben Künstler:innen, Kurator:innen und Kulturschaffende bestehende Narrative und Strukturen hinterfragt und wichtige Debatten zu Migration, postkolonialer Geschichte, Identität, Arbeit und Repräsentation geführt.

Gleichzeitig finde ich, dass Kunst die gesellschaftliche Realität, die wir bereits geschaffen haben, präziser widerspiegeln sollte. Deutschland und Europa wurden durch vielfältige kulturelle Einflüsse und grenzüberschreitende Geschichte geprägt. Die EU war nicht nur ein wirtschaftliches und politisches, sondern auch ein kulturelles Projekt. Heute scheint jedoch wieder eine stärkere Tendenz zu nationalstaatlichem Denken zu bestehen, statt im weiteren gemeinsamen Kontext zu agieren.

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©︎ Robert Schittko, “New Works,” Deutsche Börse Photography Foundation, Frankfurt (2022).

Ich interessiere mich besonders für Communities, die auf Kooperation, Wissensaustausch und gegenseitige Unterstützung setzen, statt auf Konkurrenz. Neben spannenden unabhängigen Initiativen gibt es auch große Institutionen, die aktiv Graswurzelideen fördern.

Mit dem von mir gegründeten Netzwerk „Institute Contemporary“ für aufstrebende Künstler:innen mit afro-europäischen oder diasporischen Wurzeln konnten wir Unterstützung mehrerer großer Stiftungen und Kulturorganisationen gewinnen. Solche Kooperationen sind essenziell, um eine inklusivere und stärker vernetzte Kulturlandschaft zu schaffen.

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©︎ Verdiana Albano

Q8. Gibt es internationale Fotoszenen oder Kreative, die Sie besonders inspirieren?

Auf jeden Fall. In letzter Zeit faszinieren mich besonders Arbeiten von Künstler:innen aus Ghana, Togo, Südafrika und Hongkong, die mit fotografischen Medien arbeiten. Interessant ist, dass sie Fragen zu Erinnerung, Identität, urbanem Wandel und gesellschaftlichen Veränderungen auf sehr unterschiedliche Weise – je nach lokalem Kontext – bearbeiten, dabei aber globale Themen ansprechen.

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©︎ Verdiana Albano

Für mich ist Inspiration jedoch nicht an Geografie gebunden.
Unabhängig davon, in welchem Land Künstler:innen leben und arbeiten, können spannende künstlerische Praktiken überall entstehen. In einer vernetzten Welt überschreiten Ideen, Einflüsse und Dialoge nationale Grenzen.

Statt bestimmte „Länderszenen“ zu verfolgen, interessieren mich Künstler:innen, die dominante Narrative hinterfragen, neue Erzählformen erproben und unerwartete Perspektiven eröffnen.

Q9. Was möchten Sie in Ihrem Leben am meisten verfolgen?

Unerschöpfliche Neugier.

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©︎ Verdiana Albano

Q10. Welche Botschaft möchten Sie aktuell an Kreative weltweit richten?

Bitte unterstützt euch gegenseitig. Die kreative Welt neigt dazu, individuelle Erfolge zu feiern, doch viele Möglichkeiten entstehen erst durch Zusammenarbeit, Austausch und Solidarität.

Eine Community zu pflegen kann genauso wichtig sein wie der Aufbau einer eigenen Karriere.

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