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Möge das Licht der Neonreklamen nie erlöschen – Eine Annäherung an die Neon-Ästhetik Asiens | Knowledge #502

By cizucu · 28. Juli 2026

Möge das Licht der Neonreklamen nie erlöschen – Eine Annäherung an die Neon-Ästhetik Asiens | Knowledge #502

Cover photo by Karin

Möge das Licht der Neonreklamen nie erlöschen – Eine Annäherung an die Neon-Ästhetik Asiens | Knowledge #502

Cover photo by Karin

Wenn man nachts durch Shinjuku spaziert, gibt es Momente, in denen man einfach stehen bleiben möchte. Übereinanderliegende Reklametafeln an den Fassaden, leuchtende Geschäftsnamen in engen Gassen, das Rot und Blau der Lichter, das sich auf dem regennassen Asphalt spiegelt. Obwohl diese Szenerie vertraut scheint, verspürt man den Drang, zur Kamera zu greifen – warum eigentlich?

Mit Songs von Miki Matsubara oder Mariya Takeuchi im Kopf wird einem beim nächtlichen Streifzug durch die Stadt bewusst, dass die Szenerien aus Musikvideos tatsächlich im nächtlichen Tokio existieren.

Auch das Licht der Städte in Wong Kar-wais Film „Chungking Express“ oder in den taiwanesischen Filmen von Edward Yang hat über Länder- und Zeitgrenzen hinweg stets die Herzen der Stadtbewohner sanft berührt.

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Foto von つばさ製作所

Doch diese Neonreklamen könnten eines Tages verschwinden. Es geht dabei nicht nur um Gentrifizierung oder das Bedauern über den Wandel der Stadt. Vielmehr besteht die Möglichkeit, dass die Neonreklamen einfach verschwinden.
Angesichts dieser Möglichkeit stellt sich die Frage: Welche Rolle kann die Fotografie dabei einnehmen?

Von „Hongkongs Tapete“ zum Archiv: Die Neonreklamen

In den 1980er Jahren soll es in Hongkong über 100.000 Neonreklamen gegeben haben. Heute sind es weniger als 400.

Die einst ikonischen, riesigen Neonschilder, die das nächtliche Stadtbild Hongkongs prägten, verschwanden nach und nach aus dem Stadtbild – bedingt durch Sicherheitsvorschriften, Stadterneuerung und den Wechsel zu LED-Anzeigen.

Der britische Fotograf Keith Macgregor, der hauptberuflich im Möbelhandel tätig war, dokumentierte in den 1990er und 2000er Jahren die nächtlichen Ansichten Hongkongs fotografisch.

City of Lights | Keith Macgregor

Für ihn waren die Neonlichter damals offenbar kein besonderes Erhaltungsobjekt. Vielmehr galten sie als alltäglicher Hintergrund, als eine Art „Tapete“ der Stadt.

Mit der Zeit jedoch wandelte sich die Bedeutung seiner Fotografien. Unabhängig von der ursprünglichen Intention des Fotografen werden die abgebildeten Motive, sobald sie aus dem Stadtbild verschwinden, im Nachhinein zu einem Archiv.

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Foto von HIROKI

Die „Neon-Ästhetik (霓虹美學)“ in Taiwans Straßen

Das Verständnis von Neon nicht nur als Reklame, sondern als Teil des kollektiven Gedächtnisses und der urbanen Kultur, findet sich in vielen ostasiatischen Städten. In Taiwan sind in den letzten Jahren verschiedene Begriffe entstanden, um die nächtlichen Stadtlandschaften und die Reklamekultur zu beschreiben.

Beispielsweise der Begriff 霓虹美學 (níhóng měixué), was direkt übersetzt „Neon-Ästhetik“ bedeutet. Dieser Begriff findet sich in Magazinen, Ausstellungen und im Designkontext und beschreibt das ästhetische Empfinden für die von Neon erzeugten Farben und die Atmosphäre der Stadt.

Ein weiterer Begriff ist 霓虹燈文化 (níhóngdēng wénhuà), also „Neon-Kultur“. Er wird verwendet, um die Neonlichter, die in den 1980er und 1990er Jahren Einkaufs- und Vergnügungsviertel prägten, als urbanes Kulturerbe neu zu bewerten.

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Foto von ゆう

Schließlich darf auch der Begriff 台味 (táiwèi) nicht fehlen. Er bedeutet so viel wie „typisch taiwanesisch“ und bezieht sich nicht auf eine geordnete Stadtlandschaft, sondern auf das Vielschichtige, Feuchte und das spürbare Leben in den Straßen. Neonreklamen, alte Geschäfte und das Licht in den Gassen sind Teil dieses „táiwèi“ – ein Ausdruck mit besonderer Tiefe.

Warum werden Japans Neonschilder heute neu bewertet?

Früher waren Neonschilder aus dem japanischen Stadtbild nicht wegzudenken: Einkaufsstraßen, Vergnügungsviertel, Geschäftsstraßen der Shōwa-Ära. Die Schriftzeichen selbst leuchteten und die Namen der Geschäfte prägten das Gesicht der Stadt.

Die Reklametafeln waren nicht nur Werbung, sondern auch ein integraler Bestandteil der nächtlichen Stadtszenerie.

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Foto von kazrin

Mit dem Aufkommen von LED-Leuchten nahm die Zahl der Neonschilder rapide ab. Gründe sind die aufwendige Instandhaltung, der Rückgang der Handwerkskunst, Kosten und Regulierungen. Es heißt, Neon in Japan stehe kurz vor dem Aussterben. Das einst Alltägliche wird allmählich zu etwas Besonderem.

Gleichzeitig ist in den letzten Jahren ein Trend zur Neubewertung japanischer Neonschilder aus dem Ausland zu beobachten.
Tatsächlich sieht man heute immer mehr neue Geschäfte mit Neon oder neonähnlichen LEDs. Restaurants in Tokio und Kansai, Shops für junge Leute, Einkaufszentren in Shibuya – überall werden leuchtende Schriftzeichen und Symbole in neuer Form wieder Teil des Raums.

Es geht nicht um eine bloße Reproduktion der Vergangenheit, sondern um eine zeitgenössische Neuinterpretation vergangener Empfindungen im Design. Das alte Licht wird nicht einfach zurückgeholt, sondern an das heutige urbane Empfinden angepasst und neu gelesen.

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Foto von Keisuke Nishida

Was „Newtro“ und City Pop ins Licht rücken

Im Hintergrund dieser Entwicklung steht auch das in Korea verbreitete „Newtro“-Gefühl. „Newtro“ ist ein Kofferwort aus „NEW“ und „RETRO“ und lässt sich als „neue Nostalgie“ übersetzen.
Es beschreibt eine kulturelle Bewegung, bei der Vergangenes nicht einfach rekonstruiert, sondern mit zeitgenössischer Sensibilität neu interpretiert und als neue Attraktion etabliert wird.

In Korea wurden im Zuge dieses Newtro-Trends immer mehr Neonlichter in Gastronomie und kommerziellen Räumen eingesetzt.

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Foto von 吉田草風

Auch der Bezug zur Musik ist nicht zu unterschätzen. In den letzten Jahren wurde japanischer City Pop der 1980er und 1990er Jahre in Europa und den USA neu entdeckt, und dieser Trend schwappte auch nach Korea über. Nachthighways, urbane Einsamkeit, schillernde Reklamen, leicht melancholische Melodien – in den von City Pop evozierten Stadtbildern passen Neonlichter perfekt.

Auch in auf Koreanisch gesungenem City Pop im 80er-Jahre-Stil oder in Visuals, die sich auf japanische Nachtlandschaften beziehen, kommen Neonlichter besonders gut zur Geltung. Neon ist nicht nur Teil der urbanen Szenerie, sondern auch ein Bild, das in Musik, Erinnerungen und Filmen immer wieder neu inszeniert wird.

Damit das Licht vor dem Erlöschen nicht zur bloßen Kulisse wird

Fotograf:innen richten ihren Blick oft auf Dinge, die im Wandel der Zeit aus dem gesellschaftlichen Leben zu verschwinden drohen. Wie die Fotografien der Hongkonger Neonreklamen zeigen, kann der Fotografie im Nachhinein eine neue Rolle zukommen: Nach dem Verschwinden der Motive wird deren Wert durch das Bild erst sichtbar.

Neonreklamen sind Schriftzeichen, Farben und Spuren des Lebens auf der Oberfläche der Stadt. Was werden wir erinnern, wenn dieses Licht erloschen ist? Vielleicht ist die Fotografie eine Möglichkeit, sich auf diese Frage vorzubereiten.

Möge das Licht der japanischen Neonreklamen nie erlöschen. Das Licht vor dem Verschwinden nicht zur bloßen Kulisse werden zu lassen – darin liegt die Chance, die Neon-Ästhetik der asiatischen Städte neu zu entdecken.

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