Durch Interviews mit Persönlichkeiten, die fotografische Ausdrucksformen aus einer eigenständigen Perspektive verfolgen, beleuchten wir die Ursprünge, Denkweisen und Schaffensprozesse ihrer künstlerischen Praxis und liefern neue Inspirationen für Fotograf:innen und Fotomedien weltweit.
Die Ursprünge des Schaffens und die wertvollen Sichtweisen der in Frankreich tätigen Fotografin Marine Billet. Diese als Worte in der heutigen Zeit zu archivieren und zu bewahren, wird einen Teil der zukünftigen Fotokultur mitprägen.
Mit den „10 Fragen“ tauchen wir in den Prozess ein, wie ihre Ausdrucksformen Gestalt annehmen.

Marine Billet
„Praxis als Dialog“
Zwischen Reportage, Beauty und Luxus bewegt sie sich sowohl in der Fotografie als auch im Bewegtbild. Sie trennt die Genres nicht voneinander, sondern versteht sie als sich gegenseitig beeinflussende Praxis und erforscht Ausdrucksformen, die zwischen Technik und Sensibilität oszillieren.
Instagram : @marine_billet
Q1. Was sind die Ursprünge deiner Fotografie und wie sieht deine aktuelle Praxis aus?
Schon als Kind habe ich es geliebt, eine Kamera in der Hand zu halten. Ob es die analoge Kamera meiner Mutter war oder eine kleine Digitalkamera aus den 2000ern – das Gefühl war immer dasselbe.
Ich war fasziniert von Momenten, in denen ich alltägliche Szenen aus einem anderen Blickwinkel festhalten und sie im neuen Licht betrachten konnte.

©︎ Marine Billet
Ich erinnere mich, dass ich bei Digitalkameras oft den „Makro“-Modus verwendet habe. Mit der analogen Kamera meiner Mutter hingegen war es eher ein Gefühl des Wartens.
Beim Film musste man auf den perfekten Moment warten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, wie ich als etwa Zehnjährige stundenlang in einem Londoner Park Eichhörnchen beobachtete, um das perfekte Bild einzufangen.
Q2. Was ist das wichtigste Element oder Thema in deinen Arbeiten?
Meine Fotografie hat sich im Laufe der Jahre deutlich verändert. Was jedoch konstant geblieben ist: Das Licht steht immer im Zentrum meiner Arbeiten. Da ich sowohl im Luxus- als auch im dokumentarischen Bereich tätig bin, sind die Sujets vielfältig, doch das Licht bleibt das verbindende „Thema“ in allen Bereichen.

©︎ Marine Billet
Ursprünglich habe ich mit Stillleben begonnen. Nach und nach habe ich menschliche Elemente integriert – zunächst fragmentarische Körperteile wie Hände oder Beine, später wurden Menschen als Ganzes immer präsenter in meinen Bildern und schließlich zum zentralen Motiv.
In letzter Zeit bereitet es mir große Freude, Porträts für Pressezwecke oder Beauty-Kampagnen zu fotografieren. Was mich fasziniert, ist die ständige Veränderung und Weiterentwicklung.
Q3. Wie entstehen deine Werke? Gibt es Intuition, Zufall oder spontane Entscheidungen am Set? Wir möchten mehr über den kreativen Hintergrund erfahren.
Bei persönlichen Projekten, abseits von Auftragsarbeiten, gibt es verschiedene Herangehensweisen. Manchmal kommt eine Idee ganz natürlich und alles wird sofort klar.
Oft jedoch, wenn ich das Bedürfnis habe, etwas Neues zu beginnen, lasse ich mich zunächst von vielen visuellen Eindrücken und Ideen inspirieren. Dabei gibt es immer wieder Motive, die stärker in mir nachhallen als andere.

©︎ Marine Billet
Oft ist es auch eine Frage des Timings. Ich schaue mir dieselbe Auswahl an Bildern für verschiedene Projekte immer wieder an, aber je nach Zeitpunkt, Ort und meiner eigenen Stimmung nehme ich sie unterschiedlich wahr. Daraus ergibt sich der erste Faden, und von diesem Ausgangspunkt aus entwickle ich das Projekt weiter.
Q4. Was ist deine treibende Kraft, um dich immer wieder auszudrücken?
Es ist die Begegnung mit Neuem. Ich langweile mich relativ schnell, manchmal sogar mit meinen eigenen Bildern.
Deshalb ist das Schaffen für mich eine wichtige Gelegenheit, Neues auszuprobieren und mit Menschen in Kontakt zu kommen, denen ich sonst nie begegnet wäre.

©︎ Marine Billet
Gleichzeitig bedeutet das, sich in eine gewisse „Unsicherheit“ zu begeben. Sich von gewohnten Methoden zu lösen und neue, unbekannte Bereiche zu betreten. Ich genieße es, solche Prozesse in meinen Projekten zu fördern.
Ständiges Entdecken ist für mich eine unverzichtbare Antriebskraft.
Q5. Zeige uns dein Lieblingsbild. Welche Geschichte steckt dahinter und warum hast du es ausgewählt?
Ich wähle „Reliées“. Das Projekt entstand vor genau einem Jahr. Ich habe sehr viel Herz und Energie hineingesteckt. Die Vorbereitung war alles andere als einfach, aber ich habe an dieses Werk geglaubt. Außerdem hatte ich das Glück, mit einem großartigen Team zusammenzuarbeiten.

©︎ Marine Billet
Das Shooting war eine unglaublich bereichernde, aber keineswegs einfache Erfahrung. Es gab viele unerwartete Probleme und auch technische Defekte, aber die Fotos und das Filmmaterial sind erhalten geblieben.
Das Projekt selbst ging nicht verloren, wir haben nicht aufgegeben und immer das Beste aus der Situation gemacht. Am Ende entstand ein Werk, auf das ich wirklich stolz bin – und das ist für mich tatsächlich selten.
„Reliées“ hat mir auch neue Türen geöffnet – nämlich zur Welt der Ausstellungen. Als Fotografin war das für mich der Anlass, einen Bereich zu betreten, den ich bis dahin kaum erkundet hatte.
Q6. Welche Bedeutung hat Fotografie im Zeitalter der KI?
Im Zeitalter der KI ist es unvermeidlich, dass sich die Dinge verändern und weiterentwickeln. Auch die Fotografie ist davon betroffen und muss mit der Zeit gehen.
Dennoch scheint das Wort „Fotografie“ eine gewisse Würde und eine authentischere Haptik erhalten zu haben. KI wird immer mächtiger, und heute muss man genauer hinschauen, um zwischen Echtem und Unechtem zu unterscheiden.
Fotografie ist ihrem Wesen nach ein Medium, das Spuren der Realität nachzeichnet.

©︎ Marine Billet
Q7. Welche Entwicklungen oder Communities empfindest du in der französischen Szene als besonders wichtig?
Ich habe das Gefühl, dass es eine starke Bewegung zurück zur Realität gibt. Zum Beispiel Fotografien, die Situationen innerhalb von Gruppen oder spontane, ungeplante Momente festhalten.
Hier steht die Fotografin nicht außerhalb des Geschehens, sondern ist mittendrin. Die Szene wird nicht für die Kamera inszeniert, sondern die Fotografin selbst wird Teil der Atmosphäre und des Geschehens.

©︎ Marine Billet
Q8. Gibt es internationale Fotografieszene oder Kreative, die dich inspirieren oder interessieren?
Sehr viele. Die Auseinandersetzung mit den Werken anderer Fotograf:innen ist für mich eine große Inspiration und trägt zu meiner eigenen Entwicklung bei.
Es wäre unmöglich, den Einfluss nur durch das Nennen einiger Namen zu beschreiben. Es gibt wirklich zahlreiche Menschen, die mich inspirieren.

©︎ Marine Billet
Manchmal berührt mich ein einzelnes Foto sehr tief, manchmal zieht mich das Gesamtwerk einer Künstlerin oder eines Künstlers in den Bann. Die Art und Weise, wie ich beeinflusst werde, ist immer unterschiedlich – diese Vielfalt ist für mich eine wichtige Quelle der Inspiration.
Q9. Was möchtest du in deinem Leben verfolgen?
Nicht langweilig werden. Natürlich gibt es auch Zeiten und Aufgaben, in denen Langeweile ihren Platz hat.
Aber Stillstand möchte ich möglichst vermeiden. Ob allein oder gemeinsam mit anderen – neue Projekte zu beginnen oder daran mitzuwirken, empfinde ich nicht als ermüdend. Im Gegenteil, für mich ist es das Gegenteil.
Nichts zu tun oder sich vom Trott des Alltags treiben zu lassen, empfinde ich als viel anstrengender.

©︎ Marine Billet
Q10. Welche Botschaft möchtest du aktuell an Kreative weltweit richten?
Lasst uns weiter erschaffen. Und bleibt neugierig. Seid stets innovativ und habt keine Angst vor Fehlern. Gleichzeitig ist es wichtig, den gegenseitigen Respekt nicht zu vergessen.
An alle, die andere inspirieren. Und an alle, die Inspiration aufnehmen und in ihren eigenen Ausdruck verwandeln – ich sende euch meine herzlichsten Wünsche.

