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Read Your Photography | Jenseits des Fensters, entbundene Zeit | Focus #711

By cizucu · 26. Juli 2026

Serie „Read Your Photography“
Read Your Photography | Jenseits des Fensters, entbundene Zeit | Focus #711

Cover photo by Roy Cheung

Read Your Photography | Jenseits des Fensters, entbundene Zeit | Focus #711

Cover photo by Roy Cheung

In »Read Your Photography« richten wir den Blick auf die Geschichten hinter den Fotografien – Narrative, denen man durch bloßes Betrachten nicht begegnet. Gemeinsam mit Werken, die über das von cizucu initiierte und soziale Netzwerke zusammengetragen wurden, übersetzt das cizucu Magazin die Hintergründe und die individuellen Zeitmomente, in denen diese Aufnahmen entstanden, in zwölf Sprachen und bringt sie weltweit zur Geltung.

Die Entscheidung, eine Geschichte im Herzen zu bewahren, ist legitim. Doch vielleicht berührt sie auf leise Weise das Herz eines anderen und entfacht eine noch unbekannte Resonanz.

In dieser Ausgabe stellen wir die Werke von drei Künstler:innen aus aller Welt vor.
Lassen Sie uns nun einen behutsamen Blick auf diese einzigartigen Geschichten werfen.

YU-HSIN, KUNGs Geschichte

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Foto von YU-HSIN, KUNG

YU-HSIN, KUNG

📚 01

Seit mein Großvater an Demenz erkrankt ist, hat der Alltag allmählich an Ordnung verloren und ließ sich nicht mehr wie gewohnt steuern.
Er vergisst Dinge, wiederholt Handlungen und stellt immer wieder dieselben Fragen. Manchmal entstehen dabei Situationen, die so skurril sind, dass man unwillkürlich schmunzeln muss.

Dieses Foto zeigt eine Szene, als mein Großvater eines Tages auf dem Sofa Cracker aß.
Während die Familie badete oder sich in ihren Zimmern ausruhte, schlich er sich heimlich ins Wohnzimmer, öffnete seine geliebten Cracker und begann zu essen. Als ich zurückkam, hatte er bereits die Hälfte gegessen und saß, als wäre nichts gewesen, auf dem Sofa und hörte japanische Enka-Musik.

Als ich ihn entdeckte, bot er mir mit unschuldigem Gesichtsausdruck an: „Möchtest du auch?“ – ohne zu bemerken, dass seine Kleidung voller Krümel war.

Die Krümel, die sich auf seiner Kleidung verteilten, wirkten wie eine kleine Katastrophe in einer Ecke des Wohnzimmers.

Ich fotografierte nicht das Gesicht meines Großvaters, sondern nur seinen Körper, seine Hände und die verstreuten Krümel auf seiner Kleidung. Mir ging es nicht darum, meinen Großvater als „Demenzpatienten“ zu dokumentieren, sondern darum, wie die Krankheit leise in den Familienalltag eindringt und dessen Ordnung allmählich verändert.

Familien, die pflegen, empfinden die Situation manchmal als skurril, sind verwirrt, fühlen sich machtlos – und müssen dennoch oft darüber lachen. Gerade diese chaotischen, unbeholfenen und schwer zu bewältigenden Momente sind für mich das wahre Leben mit der Familie.

cizucu Redaktion
In dieser Aufnahme, die nur die Hände mit der Cracker-Verpackung und die verstreuten Krümel auf der Kleidung zeigt, ist die Hektik und Zärtlichkeit des Familienalltags leise eingeschrieben. Indem das Gesicht nicht gezeigt wird, wird die Person nicht auf eine Rolle oder Situation reduziert, sondern als Teil der gemeinsamen Familienzeit betrachtet. Die Momente, in denen man über das Unvorhergesehene schmunzeln muss, obwohl man eigentlich ratlos ist – genau diese unbeholfenen, unaufgeräumten Gefühle vermitteln die Authentizität des gemeinsamen Lebens.

Roy Cheungs Geschichte

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Foto von Roy Cheung

Roy Cheung

📚 02

Die Momente, die mich auf Reisen am meisten faszinieren, sind nicht die berühmten Sehenswürdigkeiten auf der Landkarte, sondern jene unscheinbaren Augenblicke an einer Straßenecke, in denen die Zeit plötzlich langsamer zu fließen scheint.

An jenem Tag besuchte ich die Burg Nagoya. Es war voller Tourist:innen, doch als ich den stillen Holzgang betrat und zufällig durch das Gitterfenster blickte, war ich augenblicklich von der Szenerie gefesselt.

Die tiefen Holztöne von Dach und Gitter rahmten den von Sonnenlicht beschienenen Burgturm wie ein Passepartout ein. Die blaugrünen Ziegel zeigten sich vor dem Himmel und den weißen Wolken in einer atemberaubenden, ruhigen Präsenz.

Am meisten berührte mich jedoch eine Frau, die still an der Grenze von Licht und Schatten stand.
Mit leicht gedrehtem Körper und dem Blick nach draußen wirkte sie, als trüge sie Erinnerungen und Gedanken in sich, die sie nie jemandem anvertraut hatte.

In diesem Moment verstummte das Treiben ringsum wie auf Knopfdruck. Nur in diesem von Holz gerahmten Raum floss meine eigene Zeit ruhig und endlos dahin.
Leise drückte ich auf den Auslöser.

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Die Komposition, die vom dunklen Holzgang aus durch das Gitterfenster auf die Burg Nagoya blickt, fängt die stille Ergriffenheit eines unerwarteten Reiseaugenblicks auf poetische Weise ein. Statt der touristischen Pracht richtet sich der Blick auf das Profil der Frau im Grenzbereich von Licht und Schatten, wodurch sich die Atmosphäre der Szene und die darin verborgenen Erinnerungen erahnen lassen. Ein Werk, das mit seinem zurückhaltenden Blick auf eine zufällig entdeckte Szenerie abseits des Trubels beeindruckt.

평일s Geschichte

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Foto von 평일

평일

📚 03

Die Hände, die mein Gesicht bedecken, wirken wie die eines Fremden, sind aber in Wirklichkeit meine eigenen.
Ob ich – das Ich im Bild und das Ich außerhalb – meinen Schmerz wirklich erzählen möchte oder doch lieber für immer verschweigen, darauf habe ich bis heute keine Antwort gefunden.

Gefangen von meinen eigenen Händen, die wie fremde erscheinen, kann ich bis heute nicht viel sagen.
Traumata werden von anderen verursacht, doch sie wiederholen sich immer wieder im eigenen Inneren – das wollte ich mit diesem Bild ausdrücken.

cizucu Redaktion
Die Unsicherheit, dass die eigenen Hände, die das Gesicht bedecken, wie die eines Fremden erscheinen, erzeugt eine starke Spannung in diesem Werk. Der Wunsch zu sprechen und das Bedürfnis, zu schweigen, stehen im Widerstreit. Diese widersprüchlichen Gefühle werden durch die Geste des Verbergens leise zum Ausdruck gebracht. Schmerz ist kein abgeschlossenes Ereignis der Vergangenheit, sondern taucht immer wieder in veränderter Form im eigenen Inneren auf. Diese Schwere wird nicht lautstark, sondern in der Stille dieses Bildes eingefangen.

Abschließend

Wie hat Ihnen diese Auswahl gefallen?

Wir möchten den Blick auf jene Faszination richten, die sich nicht allein durch das Visuelle erschließt. »Read Your Photography« ist ein kuratorisches Projekt, das sich den Emotionen und Gedanken hinter den Fotografien widmet und sie als Geschichten erfahrbar macht.

Was wir sehen, ist nur ein flüchtiger Moment. Doch dahinter liegen die fortwährende Zeit und unausgesprochene Gefühle.

Genießen Sie die Werke, als würden Sie sie lesen – wie das Umblättern einer Seite.

So können Sie teilnehmen

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In »Read Your Photography« stellen wir auch Werke aus, die im Rahmen des von cizucu initiierten präsentiert wurden.

Vielleicht findet das ppp auch in Ihrem Land statt. Die Begegnungen, die allein durch die Liebe zur Fotografie entstehen, verbreiten sich derzeit weltweit.

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