Die Überlieferung, dass einem Menschen durch das Fotografiertwerden die Seele geraubt werde, zählt zu den bekanntesten urbanen Legenden weltweit. Heute wird sie meist als Aberglaube betrachtet, doch im 19. Jahrhundert, als die Kamera aufkam, gab es tatsächlich Menschen, die sich vor der Fotografie fürchteten.
Dieser Beitrag geht den Ursprüngen und kulturellen Hintergründen dieser Vorstellung, den Überlieferungen aus verschiedenen Teilen der Welt und jener „rätselhaften Macht der Fotografie“ nach, die bis in die Gegenwart fortwirkt.
Warum glaubte man, die Fotografie raube die Seele?
Als die Fotografie im 19. Jahrhundert entstand, war die Kamera für viele Menschen etwas vollkommen Unbekanntes. Eine Technik, die das Erscheinungsbild eines Augenblicks auf Papier festhalten und nahezu dauerhaft bewahren konnte, musste wie Magie wirken.
In zahlreichen Kulturen der Welt existierte bereits seit Langem die Vorstellung, dass Darstellungen einer Person etwas von deren Wesen oder Kraft in sich trügen. Auch Porträts, Spiegel und Figuren waren daher mit besonderer Bedeutung aufgeladen.

Foto von HAYATO
So wurde auch die neuartige Fotografie als ein Medium verstanden, das einen Teil der Seele einschließen könne. Auf diese Weise soll die Überlieferung entstanden sein, dass einem Menschen durch das Fotografiertwerden die Seele geraubt werde.
Der weltweit überlieferte Mythos vom „Fluch des Porträts“
Diese Vorstellung war nicht auf ein bestimmtes Land beschränkt, sondern wurde unter anderem bei einigen indigenen Gemeinschaften Amerikas und Australiens sowie in ethnischen Gesellschaften Afrikas und Asiens überliefert.
Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sämtliche Bevölkerungsgruppen diesen Glauben teilten; die Vorstellungen unterschieden sich je nach Kultur und Epoche erheblich. Häufig stand weniger die Furcht vor der Fotografie selbst im Vordergrund als vielmehr das Misstrauen gegenüber einer von außen eingeführten neuen Technologie oder die Sorge, dass andere Besitz über das eigene Abbild erlangen könnten.

Foto von tk
In diesem Sinne wurde die Formulierung vom „Raub der Seele“ auch als Metapher für die Ehrfurcht und das Unbehagen der Menschen tradiert.
Besitzt die Fotografie auch heute noch eine besondere Bedeutung?
Selbstverständlich raubt eine Fotografie nicht tatsächlich die Seele. Doch noch immer bewahren wir Porträts Verstorbener mit großer Sorgfalt auf und betrachten die Fotografien geliebter Menschen, um in Erinnerungen zu versinken. Das zeigt, dass wir dem fotografischen Abbild einer Person nach wie vor eine besondere Bedeutung beimessen.
Die Überlieferung vom „Fluch des Porträts“ ist daher weniger als Bericht über ein übernatürliches Phänomen zu verstehen denn als kulturelles Narrativ, das aus der langen Geschichte des menschlichen Glaubens an die dem Bildnis innewohnende Kraft hervorgegangen ist.

Foto von Nic Harris
Auch wenn die Kamera keine Seele raubt, besitzt sie zweifellos die Kraft, Menschen emotional zu berühren und Erinnerungen über Epochen hinweg zu bewahren.

