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By cizucu ·

Cover photo by Yukihiro
Eine Straßenecke mit alten Schildern, ein Café, in dem die Zeit stehen geblieben scheint, ein körniges Filmfoto: Bei solchen Motiven fallen schnell Wörter wie „retro“, „vertraut“ oder „nostalgisch“.
Doch Retro und Nostalgie sind nicht dasselbe. Retro beschreibt einen Look oder Stil, der an vergangene Zeiten erinnert. Nostalgie dagegen ist ein Gefühl, das aus der Distanz zur Vergangenheit entsteht.
Schauen wir uns den Unterschied genauer an – und fragen wir uns, wie Fotos und Erinnerungen zusammenhängen.
Als retro bezeichnen wir Designs, Gegenstände, Farben und Oberflächen, die an frühere Zeiten erinnern.
Dazu gehören Filmkorn, verblasste Farbtöne, eingeblendete Datumsangaben oder der weiche Lichtschein alter Objektive. Dabei gelten nicht nur Aufnahmen mit alten Kameras als retro. Auch digital bearbeitete Fotos, die den Look vergangener Zeiten nachbilden, fallen darunter.
Photo by 粋-sui-
Retro ist also nicht die Vergangenheit selbst, sondern eine heutige Vorstellung davon, wie Vergangenheit aussieht. Wenn wir die Gegenwart mit den Ausdrucksmitteln früherer Zeiten fotografieren, scheint selbst in vertrauten Motiven plötzlich eine andere Zeit mitzuschwingen.
Nostalgie ist dagegen kein sichtbares Merkmal. Sie entsteht, wenn ein Anblick oder ein Gegenstand persönliche Erinnerungen und Gefühle in uns weckt.
Photo by Tenzen Hiraoka
Ein Foto der Stadt, in der man früher gelebt hat, bringt vielleicht sogar die Gerüche und Geräusche von damals zurück. Der Bildschirm eines Computers, den man früher benutzt hat, erinnert an das damalige Zimmer oder an die Menschen, mit denen man dort Zeit verbracht hat. Fotos und Gegenstände können so auch all das zurückholen, was über das Sichtbare hinaus zu jener Zeit gehörte.
Auch die sogenannte digitale Nostalgie entsteht auf diese Weise: Alte Websites oder vertraute Starttöne lösen Erinnerungen aus. Andere sehen denselben Bildschirm und finden ihn einfach neu oder ungewöhnlich. Denn Nostalgie steckt nicht im Gegenstand selbst, sondern entsteht erst zwischen ihm und der Person, die ihn betrachtet.
Wer zum ersten Mal ein modernes Café im Retrostil besucht, empfindet den Raum vielleicht nicht als vertraut, sondern eher als etwas Neues. Ein vor wenigen Jahren mit dem Smartphone aufgenommenes Foto von Freunden oder der Heimat kann dagegen starke Nostalgie auslösen, obwohl es überhaupt nicht retro aussieht.
Photo by Yuya
Alte Familienfotos oder Bilder von einem Laden, den man als Kind oft besucht hat, können beides verbinden: einen Retrolook und persönliche Nostalgie. Ein erstmals besuchter Raum im Retrostil greift zwar die Formen der Vergangenheit auf, ist aber nicht automatisch mit eigenen Erinnerungen verbunden. Umgekehrt können Smartphone-Fotos von Freunden oder der Heimat schon nach wenigen Jahren starke Nostalgie wecken, ohne retro zu sein.
Manchmal verspüren wir sogar Sehnsucht nach einer Zeit, die wir selbst nie erlebt haben. Bilder aus Familienalben und Filmen oder auch Musik prägen unsere Vorstellung einer Epoche und sammeln sich nach und nach fast wie eigene Erinnerungen an.
Retro liegt im Erscheinungsbild eines Fotos. Nostalgie entsteht zwischen dem Foto und der Person, die es betrachtet. Der Schlüssel zur Unterscheidung liegt deshalb nicht im Look, sondern in der Beziehung zwischen Foto und Erinnerung.


