MAGAZINE
MAGAZINE
MAGAZINE
MAGAZINE
By cizucu ·

© Jasmine Huang
In unseren Interviews sprechen wir mit Menschen, die ihren eigenen fotografischen Blick verfolgen: über ihre Anfänge, ihre Gedanken und ihre Arbeitsweise. So möchten wir Fotograf:innen und Fotomedien auf der ganzen Welt neue Perspektiven und Anregungen geben.
Jasmine Huang ist Künstlerin und Fotografin. Sie wuchs in Tennessee auf und lebt heute in Brooklyn. Beim Blick in das Fotoarchiv ihrer Familie beschäftigt sie sich damit, wie Erinnerungen, Mythen und die Orte, an denen wir aufwachsen, uns prägen.
Wir sprechen über Platin-Palladium-Drucke auf Vellumpapier, zufällig entstandene Bilder und die bewusste Entscheidung, den Betrachtenden nicht alles offenzulegen. In diesen zehn Fragen erzählt Jasmine, warum sie ihre Familie und den amerikanischen Süden immer wieder fotografiert – und was sie in ihren Bildern zeigt oder lieber für sich behält.
© Jasmine Huang
Jasmine Huang
Jasmine Huang ist Künstlerin und Fotografin und lebt in Brooklyn, New York. Ihre Zeit im amerikanischen Süden versteht sie als wichtige Schule fürs Leben. In ihren Bildern fragt sie danach, wie Erinnerungen, Mythen und Orte uns prägen. Während ihres Studiums an der Sewanee: The University of the South entdeckte sie die 4×5-Fachkamera. Sie mag Sumpfzypressen, Hitze und Primärfarben. Außerdem hat sie drei künstliche Zähne.
Instagram: jasmine_huang0930
Ursprünglich habe ich mit Öl, Kohle und Pastell gemalt. Vor einigen Jahren kam ich aber an einen Punkt, an dem gar nichts mehr ging. Ich wollte jedes Bild perfekt machen und konnte deshalb nichts mehr fertigstellen.
Genau zu dieser Zeit belegte ich an der Universität bei Professor Pradip Malde einen Einführungskurs in den Platin-Palladium-Druck. Als ich meinen ersten Abzug gemacht hatte, war ich sofort völlig gepackt. Chemikalien anzumischen und auf das Papier aufzutragen, fühlte sich ein bisschen wie Malen an. Mit jedem weiteren Abzug interessierte ich mich stärker für die Fotografie selbst. Ich wollte unbedingt mehr drucken und begann deshalb auch immer mehr zu fotografieren. Später lernte ich in einem Kurs für analoge Fotografie die 4×5-Fachkamera kennen. Seitdem bin ich bei der Fotografie geblieben.
© Jasmine Huang
Am Anfang habe ich mit alternativen Verfahren wie Platin-Palladium-Druck, Cyanotypie, Albuminpapier und Kallitypie gearbeitet. Danach habe ich einige Jahre lang ausschließlich in Farbe fotografiert. Heute nehme ich meine Bilder hauptsächlich mit einer Fachkamera auf. Einen großen Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich in der Dunkelkammer, wo ich Schwarz-Weiß-Filme entwickle und Silbergelatineabzüge anfertige. Diese Veränderungen hatten viel damit zu tun, welche Verfahren unter meinen jeweiligen Arbeitsbedingungen gerade am besten möglich waren. Als Nächstes möchte ich mich auch an Farbabzüge wagen.
Das kam ganz von selbst. Während der Pandemie hatte ich viel Zeit. Irgendwann fing ich einfach an, alte Familienfotos durchzusehen und zu digitalisieren.
Damals konnte ich noch nicht richtig in Worte fassen, was mich daran so berührte. Aber jedes Mal, wenn ich die Fotos ansah, lösten sie etwas in mir aus. Auf den Bildern waren Verwandte zu sehen, die inzwischen gestorben sind, oder meine Eltern in jungen Jahren. Jedes einzelne war für mich etwas Besonderes, das ich unbedingt bewahren wollte. Während ich diese alten Fotos einscannte, begann ich schließlich auch, meine Familie so zu fotografieren, wie sie heute ist.
© Jasmine Huang
Meine Bilder entstehen dort, wo Absicht und Zufall zusammenkommen. Ich akzeptiere Fehler beim Fotografieren und Ergebnisse, die anders ausfallen als geplant. Manchmal zeigen sie mir Möglichkeiten, mit denen ich nie gerechnet hätte. Einige meiner eindrücklichsten Fotos sind durch solche Zufälle entstanden.
In einer meiner frühen Arbeiten habe ich ein gerahmtes Porträt von mir als Kind fotografiert. Der Hintergrund ist rot, mein Gesicht dagegen vollständig überbelichtet und weiß. Damals probierte ich den manuellen Modus einer Digitalkamera aus. Ich wollte das starke Licht am späten Nachmittag einfangen, das durch ein Fenster des Hauses fiel, in dem ich als Kind gelebt hatte. So entstand dieses Bild eher zufällig. Ich machte mehrere Aufnahmen, auch solche, auf denen mein Gesicht deutlich zu erkennen war. Zunächst schenkte ich keiner davon besondere Aufmerksamkeit. Erst Jahre später sah ich sie wieder und begriff plötzlich, was das Bild für mich bedeutete. Ein Foto kann sehr direkt vermitteln, was darauf zu sehen ist. Mir gefiel, dass dieser Zufall genau diese Eigenschaft ins Wanken brachte. Indem ich das Bild mit dem überbelichteten Gesicht auswählte, hatte ich außerdem das Gefühl, mein jüngeres Ich schützen zu können.
© Jasmine Huang
Unabhängig vom Zufall denke ich manchmal, dass meine Fotos wie ein Sieb funktionieren: Sie sortieren die Betrachtenden gewissermaßen aus. Wenn ich Bilder mache, die in meinen eigenen Erfahrungen verwurzelt sind, etwa Fotos mit chinesischen Schriftzeichen, muss nicht jede Person deren Bedeutung verstehen. Ich erkläre sie nicht, weil ich nicht finde, dass Betrachtende mehr sehen oder verstehen müssen, als sie selbst aus dem Bild herauslesen können. Aus demselben Grund verwende ich bei manchen Titeln Pinyin oder bitte die Menschen vor meiner Kamera, sich abzuwenden und ihr Gesicht zu verbergen. Ich möchte Verletzlichkeit und Nähe zeigen, gleichzeitig gibt es aber auch Teile, die ich schützen will.
Besonders bewusst ist mir das, wenn ich in Gemeinschaften oder Räumen fotografiere, die Außenstehenden normalerweise nicht offenstehen. Ich kann einen gewissen Einblick geben und trotzdem entscheiden, dass es an einem bestimmten Punkt nicht weitergeht. In meiner Arbeit wähle ich sehr bewusst, wann ich dieses Recht in Anspruch nehme.
Ich denke dabei oft an das von Édouard Glissant beschriebene „Recht auf Undurchsichtigkeit“ und an Theresa Hak Kyung Chas Dictée.
Als ich mit der Fotografie und alternativen Verfahren anfing, testete ich für meine Platin-Palladium-Drucke viele verschiedene Papiere. Am besten gefiel mir Vellumpapier. Es ist halbtransparent und relativ dünn, und während des Druckens verändert es seine Form. Trocken liegt es flach. Sobald man die Chemikalien aufträgt, rollt es sich aber zusammen und muss mit Klebeband fixiert werden. Am empfindlichsten ist es, wenn es nass durch die verschiedenen Bäder geführt wird. Nach dem vollständigen Trocknen bleiben Falten zurück, und das Papier wird fest.
Seine Empfindlichkeit und Halbtransparenz brachten mich dazu, über Erinnerung und Mythen nachzudenken. Ein Druck auf Vellumpapier zeigt die Einzelheiten nicht so klar wie ein Silbergelatineabzug, sondern wirkt eher wie ein Aquarell. Mit etwas Aufwand lässt sich natürlich auch ein relativ scharfes Bild erzeugen. Ich mag aber gerade die natürliche Unschärfe, die entsteht, wenn sich das Papier hinter dem Glas eines Rahmens leicht wellt. Für mich erinnert sie daran, wie sich Erinnerungen mit der Zeit verändern und verblassen.
© Jasmine Huang
© Jasmine Huang
Leider komme ich in letzter Zeit seltener dazu, mit alternativen Verfahren zu arbeiten. Trotzdem möchte ich künftig noch mehr auf Vellumpapier drucken. Es gehört weiterhin zu meinen liebsten Materialien.
Während eines Residenzprogramms wohnte ich bei einer Familie, die vor Ort eine Ranch betreibt. Als sie mir das Gelände zeigte, erfuhr ich, dass Rancherfamilien in dieser Gegend manchmal ihren Nachnamen aus heimischem Kalkstein auf den Boden legen. Die Steine sind groß und schwer und bleiben dort über Jahrzehnte liegen.
Ende der 1950er-Jahre legte die Familie auf dem höchsten Hügel ihres Grundstücks aus großen Kalksteinen ein „S“, den Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens Schultz. Obwohl regelmäßig Tornados durch die Gegend ziehen, ist das „S“ noch immer da. Es war so groß, dass ich es von der mehrere Meilen entfernten Unterkunft des Residenzprogramms aus sehen konnte.
© Jasmine Huang
Eines Tages wollte ich etwas Ähnliches mit dem Namen meiner eigenen Familie versuchen. Ich sammelte kleine Steine von der privaten Zufahrt und legte sie in einer überwucherten Ecke zum chinesischen Schriftzeichen für unseren Familiennamen Huang aus. Es war ein kleiner Versuch, in die amerikanische Landschaft einzuschreiben, dass meine Familie hier gewesen ist.
Wenn wir über Medien sprechen, sollten wir meiner Meinung nach nicht ständig nur die KI ins Zentrum stellen. Sie wird oft wie ein magisches Werkzeug behandelt, das unser Leben bequemer macht. Aufgaben, über die wir früher lange nachdenken mussten, lassen sich damit heute in wenigen Sekunden erledigen. Aber nur weil etwas schneller und einfacher geht, verliert das von Menschen Gemachte nicht an Wert.
Natürlich sehen das nicht alle so. Unternehmen, die mit möglichst geringen Kosten möglichst viel Gewinn machen wollen, werden anders darüber denken. Auch die Nutzung und die Folgen von KI unterscheiden sich je nach Bereich. KI beim Programmieren einzusetzen ist nicht dasselbe, wie damit das Bild für ein Werbeplakat zu erzeugen.
Wenn es um Bilder geht, macht die Möglichkeit, in zwei Sekunden ein Bild generieren zu lassen, Fotografie und Kunst nicht weniger wichtig. Im Gegenteil: Ich glaube, dass Arbeiten, die Menschen mit ihren eigenen Händen schaffen, über die sie lange nachdenken und bei denen auch der Weg zählt, heute noch mehr Bedeutung und Wert haben.
Vor allem hat KI sichtbar gemacht, was wir als Gesellschaft eigentlich wichtig finden. Jede Person muss selbst entscheiden, wie sie damit umgehen möchte. Ich habe nicht das Gefühl, dass KI die Bedeutung der Fotografie grundlegend verändert hat. Fotografie gibt uns weiterhin die Möglichkeit, etwas zu schaffen, das in der Wirklichkeit verankert und mit Gefühlen verbunden ist. Gerade im Zeitalter generativer KI möchte ich das mehr denn je schätzen.
Sie hat einen sehr großen Einfluss. Der amerikanische Süden ist riesig und vielfältig, deshalb kann ich unmöglich für die ganze Region sprechen. Ich kann vor allem von meinen Erfahrungen rund um Memphis und von meiner Zeit an einer Universität im ländlichen Süden der Appalachen erzählen.
Wie viele andere hatte auch ich beim Aufwachsen ein kompliziertes Verhältnis zu meiner Heimat. Erst als Erwachsene habe ich mich der Stadt wieder bewusst zugewandt und langsam angefangen, ihren Reiz und ihre guten Seiten zu erkennen.
Die Traditionen, mit denen ich in Berührung kam, und die Gemeinschaften, zu denen ich gehörte, sind auf gewisse Weise Teil der Geschichten und des Gesamtbilds geworden, das wir mit dem amerikanischen Süden verbinden. Mit den Jahren begann ich mich zu fragen, welche Teile dieser Geschichten auf Tatsachen beruhen, welche erfunden sind und was irgendwo dazwischenliegt.
© Jasmine Huang
Genau wegen dieser Fragen kehre ich immer wieder dorthin zurück. Ich versuche, ohne feste Vorstellungen und mit echter Neugier zu fotografieren. Mit dem Alter verändert sich auch der eigene Blick. Jedes Mal, wenn ich mich verändere, lerne ich meine Heimat und andere Orte im Süden neu kennen. Fotografie und Gespräche sind meine wichtigsten Wege dorthin. Menschen im Süden reden gern. Manche mögen das, andere nicht – ich jedenfalls liebe ein bisschen Small Talk.
Ich liebe Filme. Besonders faszinieren mich das chinesische Kino der fünften Generation und Coming-of-Age-Filme wie Edward Yangs Yi Yi aus der taiwanischen New Wave oder Fruit Chans Made in Hong Kong. Auch die Kostüme in Made in Hong Kong sind unglaublich gut.
Die Filme der fünften Generation zu entdecken, war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Als ich in Tennessee aufwuchs, hatte ich kaum Kontakt zu anderen chinesischen Gemeinschaften. Filme wie Farewell My Concubine verbanden meinen Wunsch, mehr über die Heimat meiner Eltern zu erfahren, mit meiner Liebe zu Kunst und Ausdruck.
Auch als Fotografin und Künstlerin hat mich dieser Film stark geprägt. Die Bilder des Kameramanns Gu Changwei sind großartig. Jeder einzelne Frame wirkt wie ein eigenes Bild. Manche Einstellungen sind dynamisch und weit, andere vermitteln Nähe, Spannung oder Schwere. Jedes Mal bringen sie mich dazu, alles zu hinterfragen, was ich über Bildaufbau und Kamera zu wissen glaubte. Auch die Art, wie die Geschichte erzählt wird, überwältigt mich. Und ich liebe Gong Li.
© Jasmine Huang
Außerdem inspirieren mich vietnamesische Streetwear und Mode. Ich habe das Gefühl, dass sie ihrer Zeit weit voraus sind. Ich beobachte auch gern, wie Alltagsgegenstände in verschiedenen Ländern gestaltet sind. Das können die Kunststofflampenschirme von Red A sein, die man auf Frischemärkten in Hongkong oft sieht, oder alte Stoffe im Schrank meiner Großmutter in Peking, die ein bisschen muffig riechen.
Ich möchte mein Leben dem Frieden, der Liebe, dem Glück und meinen Träumen widmen. Und ich wünsche mir, dass auch die Menschen, die mir wichtig sind, so leben können.
Bleibt bescheiden. Seid freundlich. Liebt euch selbst und zeigt auch den Menschen um euch herum eure Zuneigung. Schaut nicht nur zu, sondern erhebt eure Stimme und handelt.
Versucht, euch selbst kennenzulernen, und richtet dieselbe Neugier auf die Welt. Das hilft euch, nicht nur als Fotograf:innen, sondern auch als Menschen zu wachsen. Wir leben miteinander, unterstützen einander und sind miteinander verbunden. Schon ein wenig Offenheit und Mitgefühl kann viel verändern.
Vergesst nicht, wer ihr seid, und verliert euch nicht aus den Augen. Und bleibt dabei: bei eurer Arbeit, euren Träumen und vor allem bei euren Beziehungen und eurem eigenen Leben. Daran glaube ich.
46 Magazine
Eine Interviewreihe mit Fotograf:innen und Fotomedien aus aller Welt, die jeweils ihre eigene Form des visuellen Ausdrucks verfolgen. Anhand von zehn Fragen beleuchten wir ihre erste Begegnung mit der Fotografie, die Ursprünge ihres kreativen Schaffens und die Gedanken hinter ihren Werken und vermitteln Kreativen weltweit neue Perspektiven und Inspiration.









