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By cizucu ·

©︎ Ricardo Tokugawa
In dieser Interviewreihe sprechen wir mit Menschen, die ihren ganz eigenen fotografischen Ausdruck verfolgen. Wir fragen nach ihren Anfängen, ihren Gedanken und danach, wie ihre Bilder entstehen. So möchten wir Fotograf:innen und Fotomedien weltweit neue Perspektiven und Anregungen geben.
Ricardo Tokugawa arbeitet zwischen Brasilien und Paris. Wir sprechen mit ihm über die Wurzeln seiner Arbeit und über die Gedanken und Blickwinkel, die ihm beim Fotografieren wichtig sind. Seine Worte heute festzuhalten, kann dazu beitragen, ein Stück Fotokultur für die Zukunft zu bewahren.
In zehn Fragen schauen wir uns genauer an, wie seine Bilder entstehen.
Ricardo Tokugawa
Ricardo Tokugawa ist ein brasilianischer Fotograf und arbeitet zwischen Brasilien und Paris. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen Identität, Herkunft und Erinnerung sowie die Berührungspunkte zwischen brasilianischer, okinawanischer und japanischer Kultur. 2021 veröffentlichte er den Fotoband Utaki. Er entstand aus seiner Beschäftigung mit diesen Themen und mit den Traditionen, die unter den nach Brasilien ausgewanderten Menschen aus Okinawa weitergegeben werden. Außerdem assistiert er dem Magnum-Photos-Fotografen Gueorgui Pinkhassov.
Instagram: @ricardo.tokugawa
An der Universität habe ich Bauingenieurwesen studiert und danach fast zehn Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Der Wendepunkt kam, als ich beschloss, noch einmal zu studieren. Statt einen Master in Ingenieurwissenschaften zu machen, entschied ich mich für Fotografie.
Auf Reisen hatte ich schon vorher fotografiert, aber damals verstand ich Fotografie noch nicht als eigene Ausdruckssprache. In Paris Fotografie zu studieren und Abstand zu meiner Familie, meinen Freund:innen und meinem bisherigen Leben zu gewinnen, war wichtig, um mich selbst als Fotograf begreifen zu können.
©︎ Ricardo Tokugawa
Heute pendle ich zwischen Brasilien und Paris und arbeite an meinen eigenen Projekten. Gleichzeitig assistiere ich dem Magnum-Photos-Fotografen Gueorgui Pinkhassov.
In den vergangenen Jahren ging es in meiner Arbeit vor allem um Identität, Wurzeln und Traditionen.
Meine Großeltern wurden in Okinawa geboren. Sie überquerten in den 1910er-Jahren den Ozean, kurz nachdem die Auswanderung aus Japan und Okinawa nach Brasilien begonnen hatte. Sie nahmen nicht nur ihre persönlichen Dinge mit, sondern auch die Kultur Okinawas. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem brasilianische, okinawanische und japanische Kultur zusammenkommen.
©︎ Ricardo Tokugawa
An diesen Themen zu arbeiten, hilft mir zu verstehen, wo ich in dieser Welt stehe und welche Kulturen mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin. Mit der Fotografie suche ich nach den Verbindungen zwischen persönlicher Geschichte und gemeinsamer Erinnerung sowie nach Traditionen, die über Generationen hinweg weiterleben.
Die wichtigste Verbindung, die mir die Fotografie ermöglicht hat, fand ich nicht in einem fernen Land, sondern direkt in meiner Nähe. Utaki bedeutet in der Sprache Okinawas „heiliger Ort“. Für dieses Projekt bat ich meine Eltern und meine Großmutter, vor meine Kamera zu treten. So wollte ich meiner Identität, meinen Vorfahren und den Traditionen nachgehen, die in meiner Familie weitergegeben wurden.
Die Kommunikation mit meinen Eltern war schon immer stark vom Schweigen geprägt. Doch sobald ich die Kamera in die Hand nahm und sie davorstanden, entstand eine andere Form des Austauschs. Durch die Fotografie konnte ich auf eine neue Weise mit ihnen in Kontakt treten.
©︎ Ricardo Tokugawa
Im Laufe dieses Prozesses begann ich, meine Eltern und meine Großmutter nicht nur in ihren Rollen innerhalb der Familie zu sehen, sondern als einzelne Menschen mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Für mich entsteht eine Arbeit, indem ich meinem Gegenüber durch die Kamera begegne und die unerwarteten Entdeckungen aus dieser Beziehung nach und nach in eine Form bringe.
Fotografieren hilft mir, mich selbst und meinen Platz in der Welt besser zu verstehen. Durch Bilder kann ich über Erinnerung, Identität, Zugehörigkeit und die Verbindung zwischen Menschen und Orten nachdenken.
Mir geht es weniger um eindeutige Antworten. Ich möchte beobachten, nachdenken und Blickwinkel entdecken, die ich vorher nicht gesehen habe. Kreative Arbeit gibt mir den Raum für diese Suche.
©︎ Ricardo Tokugawa
Viele meiner Projekte beginnen mit einem persönlichen Anliegen. Während der Arbeit merke ich aber oft, dass sie auch mit größeren kulturellen Zusammenhängen und gemeinsamen Erfahrungen verbunden sind. Ich kann dabei Neues über mein Gegenüber und über mich selbst lernen. Dass es immer wieder etwas zu entdecken gibt, treibt mich an.
Dieses Foto hat für mich eine starke symbolische Bedeutung. Die Anregung dazu kam aus Masahisa Fukases Arbeit Family.
©︎ Ricardo Tokugawa
Meine Eltern stehen in der Mitte des Bildes. Ich halte einen Rahmen so, dass ihre Gesichter darin zu sehen sind. Beim Fotografieren dachte ich nicht bewusst über die Bedeutung der Gegenstände oder die Beziehungen zwischen den Personen nach. Heute kann ich das Bild aber so lesen: Als ich klein war, versuchten meine Eltern, mich zu formen. Nun bin ich es, der versucht, sie durch diesen Rahmen zu formen.
Natürlich möchte ich die Deutung nicht festlegen. Jede Person soll das Bild auf ihre eigene Weise lesen können. Mit der Zeit habe auch ich darin Bedeutungen entdeckt, die mir beim Fotografieren noch nicht bewusst waren. Das ist einer der Gründe, warum mir dieses Bild bis heute so wichtig ist.
Für mich ist vor allem wichtig, welche Beziehung Menschen zu Fotografien und Bildern haben.
In meiner Familie sind zum Beispiel Fotos aus der Zeit meiner Urgroßeltern erhalten. Durch diese Bilder konnte ich etwas über sie erfahren. Nicht jede Familie hat diese Möglichkeit. In manchen Fällen können KI-generierte Bilder vielleicht dabei helfen, wieder eine Verbindung zu Erinnerungen, Geschichten oder der eigenen Familiengeschichte herzustellen, die vorher nicht zugänglich waren.
©︎ Ricardo Tokugawa
Ich sehe KI als Werkzeug. Wie jedes andere Werkzeug kann sie hilfreich eingesetzt werden oder Schaden anrichten. Entscheidend ist nicht die Technik selbst, sondern wie wir sie verwenden.
Ob ein Bild mit einer Kamera oder mithilfe neuer Technologien entsteht: Fotografie bleibt eng mit Erinnerungen, Bedeutungen und menschlichen Erfahrungen verbunden.
Besonders wichtig finde ich die lebendige unabhängige Fotobuchkultur in Japan. Kleine Verlage, von Künstler:innen betriebene Räume und auf Fotobücher spezialisierte Buchhandlungen schaffen immer wieder Möglichkeiten für Fotograf:innen, ihre Arbeiten zu zeigen und zu verbreiten – außerhalb der klassischen Strukturen von Museen und Galerien.
Mich interessieren auch Projekte, die sich neu mit regionaler Geschichte und Identität beschäftigen. Besonders ziehen mich Ansätze an, die vereinfachte Vorstellungen von Japan infrage stellen.
©︎ Ricardo Tokugawa
Durch meine Verbindung zu Okinawa achte ich stärker auf Fotograf:innen und Gemeinschaften, die sich mit Erinnerung, Orten und überlieferter Kultur aus Perspektiven beschäftigen, die bisher zu wenig Raum bekommen haben.
Besonders interessiert mich die zeitgenössische Fotografie aus Lateinamerika. Viele Künstler:innen setzen sich sehr genau mit Geschichte, Land und überlieferter Kultur auseinander.
Was mich aber am meisten bewegt, ist nicht an ein bestimmtes Land oder eine Region gebunden. Es sind die neuen Blickwinkel, denen ich durch die Fotografie begegne, und die Gemeinschaften, die darum entstehen.
©︎ Ricardo Tokugawa
Es fällt mir schwer, mich auf eine Sache festzulegen, die ich mein ganzes Leben verfolgen möchte. Das Leben verändert sich ständig und entwickelt sich oft in unerwartete Richtungen. Umstände, Interessen und Sichtweisen können sich ganz anders verändern als gedacht und einen auf Wege führen, die man sich nie vorgestellt hätte.
Einige der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens habe ich tatsächlich gemacht, weil ich Wege eingeschlagen habe, die nicht geplant waren. Deshalb finde ich es wertvoll, offen für die Möglichkeiten zu bleiben, die aus Zufällen und Unsicherheit entstehen.
Wenn ich mich also einer Sache verschreiben möchte, dann dieser Haltung: weiterzulernen, mich an Veränderungen anzupassen und neue Sichtweisen auf die Welt zuzulassen, ohne mich an ein einziges Ziel zu klammern. Neugier und Offenheit sind für mich auf lange Sicht wichtiger als ein festgelegtes Ziel.
Vertraut eurem eigenen Tempo und akzeptiert auch Phasen, in denen ihr noch nicht wisst, wohin es geht. Die Erwartungen anderer, die Frage, wie man gesehen wird, und der Druck, ständig etwas produzieren zu müssen, können sehr belastend sein.
Arbeiten, die wirklich etwas bedeuten, entstehen aber oft aus genauer Beobachtung und anhaltender Neugier. Nicht jedes Projekt braucht von Anfang an ein klares Ziel.
Manchmal machen wir die wichtigsten Entdeckungen, wenn wir uns nicht von Antworten, sondern von Fragen leiten lassen.
47 Magazine
Eine Interviewreihe mit Fotograf:innen und Fotomedien aus aller Welt, die jeweils ihre eigene Form des visuellen Ausdrucks verfolgen. Anhand von zehn Fragen beleuchten wir ihre erste Begegnung mit der Fotografie, die Ursprünge ihres kreativen Schaffens und die Gedanken hinter ihren Werken und vermitteln Kreativen weltweit neue Perspektiven und Inspiration.









